
Der Rhein steht vielerorts so niedrig wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen, über achtzig Landkreise rationieren Wasser, und in den Alpen schmilzt der Speicher weg, von dem unsere Sommer leben. Und wie jedes Jahr erklären uns dieselben Leute, das sei alles ganz normal, der Mensch viel zu klein und Deutschland sowieso zu unbedeutend. Ich kann es nicht mehr hören. Also rechnen wir nach: was uns das gerade kostet, und was zehn Prozent bei vier ganz gewöhnlichen Dingen dagegen ausrichten würden.
Sechs Zentimeter.
Das ist die Zahl, die am vergangenen Freitag am Pegel Kaub stand. Also mitte August 2026. Sechs Zentimeter, das ist ungefähr die Höhe einer Espressotasse. Kaub liegt übrigens in Rheinland-Pfalz, am Mittelrhein zwischen Mainz und Koblenz, und ist für die Binnenschifffahrt die entscheidende Engstelle. Was dort nicht durchkommt, kommt nirgends durch.
Bevor mir jetzt jemand in die Kommentare schreibt, der Rhein sei doch nicht sechs Zentimeter tief: nein, ist er nicht. Ein Pegel misst nicht die Wassertiefe, sondern den Abstand zu einem Nullpunkt, den irgendwann mal jemand festgelegt hat. Als der Wert in Kaub noch bei sechzehn Zentimetern lag, blieben rechnerisch etwa 1,29 Meter Fahrrinne. Das klingt nach genug Wasser für ein Schiff, und für ein Ruderboot ist es das auch.
Für ein beladenes Binnenschiff ist es das nicht. Der bisherige Rekordtiefstand stammte aus dem Dürrejahr 2018 und lag bei fünfundzwanzig Zentimetern. Wir haben ihn nicht knapp unterboten. Wir haben ihn zersägt. An acht Messstellen am Rhein wurden inzwischen Werte unter zehn Zentimetern gemessen.
Der Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt hat vergangene Woche einen Satz gesagt, an dem ich seitdem hängen geblieben bin. Im Prinzip, sagte er, sei der Rhein damit zweigeteilt.
Zweigeteilt. Die wichtigste Wasserstraße Europas, die Ader zwischen Rotterdam und Basel, an der ein guter Teil der deutschen Industrie hängt, ist in der Mitte durch. Sie ist nicht gesperrt und auch nicht blockiert. Nein. Einfach leer. Schiffe fahren stellenweise mit einem Fünftel ihrer üblichen Ladung, weil sie sonst aufsetzen. Mehrere Bundesländer haben das Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lkw ausgesetzt, damit die Fracht auf die Autobahn ausweichen kann, was der Sache ökologisch natürlich enorm hilft. An der Oberweser geht in Teilabschnitten schon gar nichts mehr. Eine Analyse des Handelsblatts kommt auf drohende Schäden für die Industrie von fast einer Milliarde Euro.
Und jetzt stell dir vor, das hört nicht mehr auf.
Über den Rhein laufen rund achtzig Prozent des Güterverkehrs der deutschen Binnenschifffahrt, das Statistische Bundesamt kam in einem Vergleichszeitraum sogar auf 86 Prozent der Tonnage. Gemessen an allen Gütertransporten in Deutschland, also samt Lkw und Bahn, sind das grob fünf Prozent, und ich weiß, das klingt jetzt nach nichts. Es kommt aber darauf an, welche fünf Prozent das sind. Was da schwimmt, ist nichts, worüber man in der Tagesschau redet, es ist einfach alles: Kokskohle für die Stahlwerke, Chemiegrundstoffe für Ludwigshafen, Getreide, Baustoffe, Container und vor allem Benzin, Diesel und Heizöl für den Süden. Also genau die schweren, billigen Massengüter, für die es keinen zweiten Weg gibt.
Ein einziges großes Rheinschiff fasst rund dreitausend Tonnen. Ein Lastwagen fünfundzwanzig. Wenn dir also jemand erzählt, man könne das doch einfach auf die Straße verlagern, dann rechne kurz nach, wie viele Lkw das pro Schiff sind, und frag ihn danach, wo er die Fahrer herholen will.
Wie das ausgeht, haben wir 2018 schon einmal gesehen. Die deutsche Binnenschifffahrt beförderte in dem Jahr 11,1 Prozent weniger Güter, und das Kieler Institut für Weltwirtschaft beziffert die Delle beim Wirtschaftswachstum auf rund 0,4 Prozentpunkte. Für dieses Jahr rechnet das IfW allein für das dritte Quartal mit einer Dämpfung um 0,1 bis 0,2 Prozent. Klingt nach wenig? Die Bundesregierung erwartet für 2026 ein Wachstum von 0,5 Prozent. Ein trockener Fluss frisst also gerade einen erheblichen Teil dessen weg, was diese Volkswirtschaft in einem ganzen Jahr überhaupt noch zulegt. Der Tankstellenverband warnt bereits vor Engpässen bei der Spritversorgung, und die Baustoff- und Energiepreise ziehen als Erstes an. Am Ende zahlt das nicht die Chemieindustrie, sondern du an der Zapfsäule.
Und jetzt kommt der Gedanke, der mich auch sehr beschäftigt, weil er so naheliegend ist und trotzdem nicht funktioniert: Dann speichern wir eben mehr Wasser. Bauen Becken, halten den Regen zurück, legen etwas auf die hohe Kante. Nur reden wir hier über Dimensionen, bei denen jeder Speicher zur Badewanne wird. Deutschland hat in den letzten fünfundzwanzig Jahren rund sechzig Milliarden Kubikmeter Wasser verloren. Du kannst einen Fluss nicht auf Vorrat füllen, und du kannst erst recht nicht mehr herausnehmen, als vorher hineingekommen ist. In Bayern siehst du gerade live, wo diese Logik endet: Der Sylvenstein stützt die Isar seit Monaten, und der Altmühlsee, der eigentlich dasselbe für die Altmühl tun sollte, hat selbst nichts mehr zu geben. Speicher verteilen Wasser um. Sie machen keines.
Und denkt mal darüber nach. Wir haben Mitte August. Die klassische Niedrigwasserzeit ist Spätsommer und Herbst. Der eigentliche Ärger fängt normalerweise erst an.
Die Sache mit den Gletschern, die fast alle falsch erzählen
Der naheliegende Schluss wäre jetzt, das alles direkt an die Gletscher zu hängen. Eis schmilzt, Wasser weg, Flüsse leer, fertig. Das klingt logisch, es fühlt sich sogar richtig an, und es ist trotzdem zu einfach.
Was gerade am Rhein passiert, ist erst mal simpel: Es hat wochenlang nicht geregnet, und die Hitze hat verdunsten lassen, was noch da war. Wenn nach so einer Phase auch die Grundwasservorräte leer sind, fließt aus den Böden nichts mehr nach. Das ist der ganze Mechanismus. Die Gletscher sind hier nicht der Auslöser.
Sie sind das, was danach kommt, und das ist ehrlich gesagt die unangenehmere Geschichte.
Stell dir einen Alpengletscher als Sparbuch vor. Im Winter zahlt der Schnee ein. Im Hochsommer, wenn der Himmel dichtmacht und wochenlang kein Regen fällt, hebst du ab. Genau dann tropft aus dem Eis noch Schmelzwasser in die Flüsse, wenn sonst nichts mehr kommt. Solange das Sparbuch dick genug ist, merkst du von Trockenphasen wenig.
Nur läuft die Sache in zwei Etappen. Erst kommt mehr Wasser als früher, weil so viel Eis auf einmal schmilzt. Das ist die Phase, in der man sich einreden kann, es sei alles halb so wild. Und dann kommt dauerhaft weniger, weil das Eis eben weg ist. Die Fachleute nennen diesen Wendepunkt Peak Water. In Teilen der Alpen liegt er bereits hinter uns. Wir plündern gerade das Sparbuch und verwechseln das mit Einkommen.
Wie schnell das geht, ist schwer zu ertragen. Seit dem Jahr 2000 ist das Gletschervolumen in der Schweiz um fast vierzig Prozent geschrumpft. Allein seit 2015, also in zehn Jahren, ist ein Viertel verschwunden. Über tausend kleine Gletscher gibt es schlicht nicht mehr, die meisten davon namenlos, abgelegen, ohne Nachruf.
In diesem Sommer hat es den Bella-Tola-Gletscher im Wallis erwischt, und der lag gut erreichbar, weshalb es diesmal jemand gemerkt hat. Erst ein Winter mit zu wenig Schnee, dann Hitzewelle auf Hitzewelle. Matthias Huss, Glaziologe an der ETH Zürich und Leiter des Schweizer Gletschermessnetzes GLAMOS, nennt diese Kombination schlicht den Worst Case. Am Rhonegletscher haben sie seit Mitte Juni auf der Gletscherzunge fast durchgehend rund zehn Zentimeter Eisverlust pro Tag gemessen.
Eine Handbreit Eis. Am Tag. Und dann am nächsten wieder.
Vier heiße Tage im Jahr waren mal normal
Über die Hitze kursieren wilde Zahlen, das Zehnfache und mehr, gern in beide Richtungen aufgeblasen. Ich halte mich an den Deutschen Wetterdienst, und der misst seit über siebzig Jahren flächendeckend.
In der Klimanormalperiode 1961 bis 1990 gab es im Bundesmittel 4,2 heiße Tage im Jahr, also Tage über dreißig Grad. In der Periode 1991 bis 2020 waren es 8,9. Eine gute Verdopplung.
Das klingt jetzt weniger spektakulär als das, was du sonst so liest, und genau deshalb schreibe ich es so hin. Eine einzige aufgeblasene Zahl reicht, damit die Gegenseite die Diskussion kapert. Dann redest du plötzlich über deine Statistik statt über die Sache, und das ist exakt das Ziel. Den Gefallen tue ich niemandem.
Zumal die echten Zahlen reichen.
Der Bundesdurchschnitt bügelt nämlich glatt, was vor Ort passiert. In den Siebzigern lagen wir bundesweit oft bei ein bis zwei heißen Tagen im ganzen Jahr, 1977 waren es 1,3. Kitzingen am Main kam 2018 auf vierundvierzig. In den fünfzig Sommern vor dem Jahr 2000 gab es nur drei mit mehr als zehn Hitzetagen, in den fünfundzwanzig Jahren seit der Jahrtausendwende waren es elf.
Und dann kam dieser Juni. Zwischen dem 18. und dem 28. Juni 2026 fielen an 467 von 488 Stationen des DWD Allzeit- oder Monatsrekorde bei der Höchsttemperatur. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen wurde jeweils der deutsche Temperaturrekord gebrochen, erst 41,3 Grad in Saarbrücken-Burbach, dann 41,8 Grad in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt. Der alte Rekord von 2019 hatte gerade mal sieben Jahre gehalten.
Was in dieser Rekordliste meistens untergeht, ist die Nacht. In Kubschütz bei Bautzen wurden 29,4 Grad als Tiefstwert gemessen, der höchste jemals in Deutschland gemessene Nachtwert. Tagsüber vierzig Grad kann ein gesunder Körper wegstecken. Was ihn umbringt, ist die Nacht, in der er sich nicht erholen darf.
Das Robert Koch-Institut schätzt für dieses Jahr bis zum 19. Juli rund 9.800 hitzebedingte Todesfälle in Deutschland. Das sind mehr als in jedem vollständigen Jahr seit 2016, und der Sommer war zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal halb vorbei.
Was davon bei uns unten ankommt
Fast jeder zweite Landkreis in Deutschland steht inzwischen unter Grundwasserstress. Über achtzig Landkreise, Städte und Wasserversorger haben Entnahmeverbote verhängt, Bewässerungsauflagen erlassen oder ihre Leute gebeten, Wasser zu sparen. Von 288 Grundwasserpegeln, die die Bundesanstalt für Gewässerkunde führt, standen zuletzt 156 auf niedrig, sehr niedrig oder extrem niedrig.
Bei uns in Bayern klingt das im Behördendeutsch so: Aus der Donau wird gerade kein Wasser mehr ins Maingebiet übergeleitet, weil am Pegel Kelheimwinzer der Mindestabfluss unterschritten ist. Und der Sylvensteinspeicher stützt seit Mitte April den Abfluss der Isar, damit weiter unten überhaupt genug ankommt.
Übersetzt heißt das: Wir stützen die Isar von Hand. Seit vier Monaten gibt ein Speicher Wasser ab, damit ein Fluss noch nach Fluss aussieht.
Am ehrlichsten hat es das Wasserwirtschaftsamt Deggendorf aufgeschrieben, das seine Bürger ums Wassersparen bittet und dazu anmerkt: Seit 2003 sinken die Grundwasserstände kontinuierlich, 2013 und 2018 hat sich der Trend verschärft. Das ist kein schlimmer Sommer, den wir hier erleben. Das ist eine Linie, die seit über zwanzig Jahren in dieselbe Richtung zeigt, und dieses Jahr sind wir an ein paar Stellen unten angekommen.
Und dann sagt einer: Klima hat sich doch immer schon geändert
An dieser Stelle kommt zuverlässig der Moment, in dem einer den Kopf hebt und sagt: Klima hat sich doch schon immer geändert.
Ich kann es nicht mehr hören. Ich kann es wirklich nicht mehr hören, und ich sage dir auch, warum es mich so wütend macht: weil es nicht als Frage gemeint ist. Wer das fragt, will keine Antwort, sondern will, dass die Unterhaltung aufhört. Und wenn dieselben Leute in Parlamenten sitzen, Anträge stellen und Programme schreiben, in denen der menschliche Anteil an der Erderwärmung schlicht wegdefiniert wird, dann ist das kein gesunder Zweifel mehr. Das ist einfach nur ….
Also gut, nehmen wir es ernst, einmal, in Ruhe.
Ja, das Klima hat sich immer geändert. Das bestreitet niemand, im Gegenteil, wir wissen es ziemlich genau, weil wir Eisbohrkerne haben. Am Ende der letzten Eiszeit wurde es global um etwa fünf Grad wärmer. Dafür hat die Erde ungefähr zehntausend Jahre gebraucht. Rechne das aus, dann kommst du auf rund ein zwanzigstel Grad pro Jahrhundert. So sieht natürlicher Klimawandel aus, wenn man ihn sich einmal in Zeitlupe ansieht.
In Deutschland liegt die Durchschnittstemperatur inzwischen rund 2,2 Grad über der Zeit von 1881 bis 1910. Dafür haben wir gut hundert Jahre gebraucht. Das ist ungefähr das Dreißigfache des Tempos, mit dem die Erde damals aus einer kompletten Eiszeit herausgekommen ist.
Und es wird nicht gleichmäßig schlimmer, sondern schneller. Die letzten fünfzehn Jahre lagen ausnahmslos über dem Mittelwert von 1961 bis 1990. Der letzte deutsche Sommer, der auch nur ein bisschen unter diesem Mittel lag, war der von 1996. Neunzehnhundertsechsundneunzig. Wer danach geboren wurde, geht demnächst auf die dreißig zu und hat noch nie in seinem Leben einen normalen Sommer erlebt. Der weiß gar nicht, wie sich das anfühlt.
Es geht also nicht darum, ob sich das Klima ändert. Es geht um das Tempo, mit dem es das tut. Wer sagt, Klima habe sich immer schon geändert, argumentiert ungefähr so wie jemand, der beim Sturz aus dem vierten Stock beruhigt feststellt, er sei doch heute schon die Treppe hinuntergegangen. Beides ist Abwärtsbewegung, zugegeben.
Und weil wir gerade dabei sind: Nach den langfristigen Zyklen der Erdbahn müssten wir eigentlich in eine sehr langsame Abkühlung laufen. Wir tun das Gegenteil, und zwar zeitgleich mit dem Verbrennen von ein paar hundert Millionen Jahren gespeicherter Sonnenenergie. Reiner Zufall, klar.
Dann das zweite Argument, der Mensch sei doch viel zu klein, um so etwas Großes wie ein Klima zu verändern. Das klingt fast demütig, und das ist der Trick daran. Derselbe zu kleine Mensch hat Flüsse begradigt, Wälder von Kontinenten geräumt, ganze Meere leergefischt und ein Loch in die Ozonschicht gerissen, das wir dann per internationalem Abkommen wieder zubekommen haben. Übrigens ein Vorgang, den man ruhig öfter erwähnen sollte, weil er beweist, dass es geht, wenn man will. Wir sind offensichtlich groß genug, um Dinge kaputtzumachen. Nur beim Reparieren wird plötzlich jeder ganz klein und bescheiden.
Und schließlich der Klassiker: Deutschland mache doch nur zwei Prozent der weltweiten Emissionen aus, das bringe alles nichts. Zwei Prozent, das stimmt sogar ungefähr. Nur lebt hier auch nur ein Prozent der Weltbevölkerung, und wenn man die seit 1850 angehäuften Emissionen zusammenrechnet, kommt Deutschland auf einen Anteil von rund 3,7 Prozent und landet damit unter den vier größten Verursachern der Geschichte, hinter den USA, China und Russland. Für ein Land von der Größe Montanas mit ein paar Alpen dran ist das eine erstaunliche Leistung. Pro Kopf stoßen wir rund 9,7 Tonnen aus, der Weltdurchschnitt liegt bei etwa fünf.
Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf hat auf dieses Argument die schönste Antwort gefunden: Teile die Menschheit in fünfzig Gruppen, von denen jede zwei Prozent verursacht. Folgt daraus, dass niemand etwas tun muss?
So, das war’s. Mehr Zeit gebe ich dem Thema nicht, denn genau das ist ja die Idee dahinter. Man diskutiert dich müde, bis der Sommer vorbei ist und alle wieder von etwas anderem reden.
Der Pegel diskutiert übrigens nicht mit. Der fällt einfach.
So, und jetzt setzen wir uns hin und rechnen
Bis hierhin war das der Katastrophenteil, und ich merke beim Schreiben selbst, wie er lähmt. Man liest so etwas, macht das Fenster zu, weil draußen ohnehin nur heiße Luft steht, und fühlt sich hinterher schlechter, aber nicht klüger.
Ein Bekannter schrieb mir zu diesem Thema. Was wird, wenn die Gletscher weg sind? Müssen wir hier irgendwann Wasser von woanders herkarren? Werden unsere Kinder das noch anders erleben als wir? Und vor allem: Kann man überhaupt noch etwas dagegen tun?
Ich versuche mal zu Antworten. Aber ich will niemanden deprimierenen. Also rechnen wir.
Das Umweltbundesamt beziffert den durchschnittlichen CO2-Fußabdruck in Deutschland für 2025 auf rund 10,4 Tonnen pro Kopf und Jahr. Davon entfallen 2,9 Tonnen auf sonstigen Konsum, also Kleidung, Elektronik, Freizeitkram, 2,2 Tonnen aufs Wohnen, im Wesentlichen Heizung und Warmwasser, 2,0 Tonnen auf Mobilität und 1,6 Tonnen auf Ernährung. Der Rest ist öffentliche Infrastruktur, da kommst du persönlich schlecht ran.
Diese vier Bereiche aber gehören dir.
Erster Hebel, das Schnitzel. Wir essen in Deutschland pro Kopf und Jahr etwa 52 Kilogramm Fleisch, davon rund 28 Kilo Schwein, knapp 14 Kilo Geflügel und gut 9 Kilo Rind. Nimmt man die Emissionsfaktoren des Bundesumweltministeriums, also grob 4,6 Kilo CO2 je Kilo Schweinefleisch und 13 bis 14 Kilo je Kilo Rind, landet man bei ungefähr 320 Kilogramm CO2 pro Person und Jahr, nur fürs Fleisch.
Zehn Prozent davon sind fünf Kilo Fleisch im Jahr, umgerechnet etwa hundert Gramm pro Woche. Ein Schnitzel. Das macht 32 Kilo CO2 pro Person und bundesweit 2,7 Millionen Tonnen, ungefähr so viel, wie 1,4 Millionen Autos im Jahr ausstoßen.
Ob ich mich verrechnet habe? Gute Frage, deshalb die Gegenprobe: Bei einer kompletten Halbierung käme ich auf gut dreizehn Millionen Tonnen. Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen, wahrlich kein Verband militanter Veganer, hat für die Halbierung 13,3 Millionen Tonnen errechnet. Passt.
Zweiter Hebel, der Kleiderschrank. Unser Bekleidungskonsum schlägt laut Umweltbundesamt mit etwa 135 Kilogramm CO2 pro Kopf und Jahr zu Buche. Wir kaufen in Deutschland rund sechzig Kleidungsstücke im Jahr, die Amerikaner lagen vor der Pandemie bei fast neunzig. Ein einfaches Baumwoll-T-Shirt liegt je nach Studie zwischen 2 und 11 Kilo CO2, das Umweltbundesamt hat für ein Damen-Longshirt 5,67 Kilo ausgerechnet.
Zehn Prozent heißen hier: sechs Teile im Jahr nicht kaufen. Sechs. Von sechzig. Das merkt kein Mensch, nicht einmal du selbst. Ergibt 13,5 Kilo pro Kopf und 1,1 Millionen Tonnen im Land. Den schöneren Teil bekommst du geschenkt: Wenn du ein Shirt zwei Jahre trägst statt eines, halbierst du seinen Fußabdruck pro Tragejahr, ganz ohne auf irgendetwas zu verzichten.
Dritter Hebel, das Thermostat. Zwei Grad weniger Raumtemperatur sparen rund zehn Prozent Heizenergie. Bezogen auf die 2,2 Tonnen im Bereich Wohnen sind das bis zu 220 Kilo, realistisch etwas weniger, weil in dieser Zahl auch Warmwasser und Gebäude stecken und nicht nur die Raumwärme.
Vierter Hebel, der Autoschlüssel. Jede zehnte Fahrt weglassen oder anders machen. Bezogen auf die 2,0 Tonnen Mobilität sind das bis zu 200 Kilo, auch hier eher weniger, denn in dem Posten stecken zusätzlich Flüge und Bahn, an die du mit dem Autoschlüssel nicht herankommst.
Zusammengezählt: 32 plus 13,5 plus 220 plus 200 ergeben 465 Kilogramm pro Person und Jahr. Auf gut 83 Millionen Menschen gerechnet sind das rund 39 Millionen Tonnen.
Und weil ich oben schon bei den Hitzetagen streng war, bin ich es hier auch. Die 220 und die 200 Kilo sind Obergrenzen, aus den genannten Gründen. Rechnest du konservativ, landest du eher bei 350 bis 400 Kilo pro Kopf und damit bei rund 30 Millionen Tonnen. Dazu kommt, dass all das konsumbasiert gerechnet ist. Ein guter Teil dieser Emissionen fällt in den Produktionsländern an und taucht in der deutschen Bilanz von 649 Millionen Tonnen gar nicht auf.
Was ich bewusst nicht gemacht habe: pauschal von allem zehn Prozent abziehen. Ein Schnitzel weniger senkt nicht den gesamten Ernährungs-Fußabdruck um zehn Prozent, und sechs T-Shirts weniger senken nicht den kompletten sonstigen Konsum. Deshalb steht oben jeweils nur der Posten, den die Maßnahme wirklich trifft. Beim Essen und bei der Kleidung ist die Rechnung dadurch sogar viel zu niedrig, denn Käse, Butter, Smartphones und der ganze übrige Kram bleiben komplett draußen.
Bleiben also 30 bis 39 Millionen Tonnen. Und jetzt schau dir an, wo Deutschland steht: Die Emissionen sind 2025 um 0,9 Millionen Tonnen gesunken, das sind 0,1 Prozent. Um das Ziel für 2030 zu halten, müssten sie ab 2026 im Schnitt jedes Jahr um 42 Millionen Tonnen fallen.
Die beiden Zahlen sind nicht deckungsgleich, das eine ist ein Konsum-Fußabdruck, das andere die Territorialbilanz. Aber die Größenordnung ist dieselbe. Was vier Alltagsentscheidungen von 83 Millionen Menschen bewegen, liegt in der Nähe dessen, was uns politisch pro Jahr fehlt. Das fand ich beim Nachrechnen den erstaunlichsten Moment.
Was das alles nicht ist
Es ist kein Gletscher-Rückholprogramm. Selbst wenn morgen weltweit alles stillstünde, würde das Eis wegen der trägen Reaktionszeit noch jahrzehntelang weiterschmelzen. Bei konsequentem Netto-Null bis 2050 wäre laut Huss am Ende des Jahrhunderts noch ein Viertel des Alpeneises zu retten. Ein Viertel. Das ist der beste Fall, den wir überhaupt noch im Angebot haben.
Es ist auch keine Absolution für die Politik. Während wir hier über Schnitzel und T-Shirts reden, werden anderswo Klimaziele kassiert, Förderungen gestrichen und Genehmigungen zurückgedreht, und zwar nicht aus Versehen. Der Hebel eines einzelnen Menschen ist gegen einen Kabinettsbeschluss ein Zahnstocher. Ich lasse mir die Verantwortung dafür nicht auf den Küchentisch schieben, und du solltest das auch nicht.
Ich nehme mich da übrigens überhaupt nicht raus. Ich kaufe auch manchmal Dinge, die ich nicht gebraucht hätte. Ich esse gern gut, und manches gönne ich mir einfach, weil es mir Freude macht.
Zehn Prozent bedeuten keinen Verzicht und kein Leben im Büßergewand. Zehn Prozent sind ein Schnitzel weniger pro Woche, sechs Kleidungsstücke weniger im Jahr, zwei Grad am Thermostat und jede zehnte Fahrt. Das ist die Sorte Veränderung, die du nach drei Wochen nicht mehr bemerkst und die trotzdem in einer Größenordnung landet, über die sonst Ministerien verhandeln.
Es ist das, was du tun kannst, solange die Politik nicht liefert. Nicht statt Politik. Währenddessen.
Der Pegel Kaub steht bei sechs Zentimetern. In ein paar Jahren wird das keine Schlagzeile mehr sein, sondern eine Meldung unter ferner liefen, irgendwo zwischen Wetter und Verkehr. Genau davor habe ich am meisten Respekt.
Diesen Text habe ich übrigens bereits mit meiner selbst entwickelten RedCat Brain App geprüft. Dabei laufen meine Texte zusammen mit den verwendeten Quellen und Referenzen noch einmal durch mehrere Prüfungen auf sachliche Fehler, Widersprüche, Verwechslungen und unsaubere Formulierungen. Die Ergebnisse und Quellen kann ich vollständig mit dem jeweiligen Text ablegen und später jederzeit nachvollziehen.
Danke fürs Lesen!
Quellen
Pegel Kaub, sechs Zentimeter, acht Messstellen unter zehn Zentimetern (15.08.2026): https://www.20min.ch/story/deutschland-unter-10-zentimeter-so-wenig-ist-vom-rhein-noch-uebrig-103617838
Historischer Tiefstand, Rhein zweigeteilt, Aussetzung des Lkw-Fahrverbots (10.08.2026): https://www.berliner-zeitung.de/article/rhein-pegel-kaub-trockenheit-binnenschifffahrt-gueterverkehr-lkw-fahrverbot-10279948
Lage von Kaub, Fahrrinnentiefe, Erklärung Pegelstand: https://www.wochenblatt-reporter.de/c-ratgeber/pegel-kaub-auf-rekordtief-das-sind-die-folgen-fuer-die-rheinschifffahrt_a852418
Grundwasserpegel, Oberweser, ein Fünftel Ladung: https://www.zfk.de/wasser-abwasser/wasser/duerre-2026-fluesse-schifffahrt-grundwasser-entnahme-verbote
Über achtzig Landkreise mit Entnahmeverboten, jeder zweite Landkreis unter Grundwasserstress: https://www.t-online.de/heim-garten/aktuelles/id_101387108/wasserentnahme-verbot-ausgeweitet-welche-landkreise-betroffen-sind.html
Industrieschäden knapp eine Milliarde Euro, Verteilungskampf ums Wasser: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/klimawandel-duerre-in-deutschland-der-kampf-um-wasser-hat-laengst-begonnen/100236543.html
Rund 80 Prozent des Güterverkehrs der Binnenschifffahrt laufen über den Rhein (Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Oberrhein): https://www.wsa-oberrhein.wsv.de/Webs/WSA/Oberrhein/DE/4_Service/02_Landesgartenschau/Rheinschifffahrt/std_node.html
86,3 Prozent der Tonnage über den Rhein, Gütermenge 2018 minus 11,1 Prozent (Statistisches Bundesamt): https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/08/PD22_N053_463.html
Einordnung: rund fünf Prozent aller Gütertransporte, Grenzen von Bahn und Lkw als Ersatz: https://www.zdfheute.de/wirtschaft/rhein-niedrigwasser-binnenschifffahrt-bahn-lkw-ersatz-100.html
0,4 Prozentpunkte BIP-Verlust 2018 laut IfW, Wachstumserwartung 2026: https://www.marktundmittelstand.de/technologie/niedrigwasser-am-rhein-treibt-logistikkosten-hoch
IfW-Prognose für das dritte Quartal, Warnung des Tankstellenverbands, Wasserverlust von 60 Milliarden Kubikmetern in 25 Jahren: https://www.zdfheute.de/wirtschaft/niedrigwasser-guetertransport-schifffahrt-wirtschaft-100.html
Niedrigwasser-Lagebericht Bayern, Sylvensteinspeicher, Donau-Main-Überleitung, Altmühlsee: https://www.nid.bayern.de/lage
Sinkende Grundwasserstände seit 2003, Wasserwirtschaftsamt Deggendorf: https://www.wwa-deg.bayern.de/index.htm
Gletschervolumen Schweiz, minus 40 Prozent seit 2000 (MeteoSchweiz/GLAMOS): https://www.meteoschweiz.admin.ch/ueber-uns/meteoschweiz-blog/de/2025/07/beschleunigter-gletscherschwund-in-der-schweiz-und-weltweit.html
Ein Viertel des Volumens in zehn Jahren verloren, über tausend verschwundene Gletscher (GLAMOS-Bilanz 2025): https://www.geo.uzh.ch/de/news/2025/glamos-2025.html
Bella-Tola-Gletscher verschwunden, Rhonegletscher zehn Zentimeter pro Tag, Sommer 2026: https://www.blick.ch/schweiz/das-katastrophenjahr-ist-eingetroffen-gletscher-schmelzen-dramatisch-weg-id22174558.html
Huss zu Worst Case und Prognose bis 2100: https://www.bluewin.ch/de/news/schweiz/schweizer-gletscher-schmelzen-in-rekordtempo-li.3562019
Heiße Tage 4,2 gegenüber 8,9, Kitzingen 2018, Sommer der Siebziger (DWD-Daten): https://dpa-factchecking.com/germany/250612-99-142074/
Trends der Lufttemperatur, Umweltbundesamt: https://www.umweltbundesamt.de/daten/umweltzustand-trends/klima/trends-der-lufttemperatur
Hitzewelle Juni 2026, 467 von 488 Stationen, Rekord 41,8 Grad, RKI-Schätzung Hitzetote: https://web.de/magazine/panorama/wetter/hitzerekorde-40-grad-marke-mehreren-orten-geknackt-42562886
Rekordkorrektur und Nachttemperatur-Rekord (ZDF): https://www.zdfheute.de/wissen/wetter-hitze-temperatur-rekord-deutschland-100.html
DWD-Attributionsstudie zur Hitzewelle Juni 2026: https://www.dwd.de/DE/klimaumwelt/klimaforschung/spez_themen/attributionen/links/2026_studie_hitzewelle_deutschland.pdf
Deutschlands Anteil an den seit 1850 angehäuften Emissionen, 3,7 Prozent bei 1,05 Prozent der Weltbevölkerung (UBA-Angaben im Faktencheck): https://web.de/magazine/wissen/klima/faktencheck-traegt-deutschland-weltweiten-co2-ausstoss-38417616
Platz vier bei den historischen Emissionen, Einordnung des Zwei-Prozent-Arguments: https://www.riffreporter.de/de/technik/deutschland-nur-zwei-prozent-weltweite-co2-emissionen-stimmt-das-was-steckt-dahinter
Pro-Kopf-Emissionen Deutschland gegenüber Weltdurchschnitt, Rahmstorf zur Fünfzig-Gruppen-Frage: https://www.helmholtz-klima.de/klimafakten/behauptung-deutschland-verursacht-nur-rund-zwei-prozent-des-weltweiten-co2-ausstosses-was-wir-tun
CO2-Fußabdruck pro Kopf 2025 nach Lebensbereichen (UBA-Berechnung): https://de.statista.com/infografik/amp/34855/durchschnittlicher-co2-fussabdruck-pro-kopf-in-deutschland
Fleischverzehr pro Kopf nach Fleischart: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/311479/umfrage/pro-kopf-konsum-von-fleisch-in-deutschland-nach-arten
Emissionsfaktoren Fleisch und Rechnung zur Halbierung, Landwirtschaftskammer Niedersachsen: https://www.lwk-niedersachsen.de/lwk/news/31867_Was_w%C3%BCrde_eine_Halbierung_des_Fleischkonsums_f%C3%BCr_den_Klimaschutz_bringen
Einsparpotenzial pflanzenbasierte Ernährung (UBA/Springmann): https://www.klimafakten.de/klimawissen/was-nuetzt/wie-viel-nuetzt-eine-fleischarme-ernaehrung-dem-klima
Bekleidungskonsum 135 Kilogramm CO2 pro Kopf, UBA-Studie “Kleider mit Haken”: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/479/publikationen/uba_kleider_mit_haken_bf.pdf
CO2 pro T-Shirt, Spanne der Studien: https://www.quarks.de/umwelt/kleidung-so-macht-sie-unsere-umwelt-kaputt/
Kleidungsstücke pro Kopf Deutschland und USA: https://de.statista.com/infografik/amp/24066/geschaetzter-durchschnittlicher-pro-kopf-absatz-von-kleidungsstuecken
Treibhausgasemissionen Deutschland 2025, 649 Millionen Tonnen, minus 0,1 Prozent: https://www.umweltbundesamt.de/daten/umweltzustand-trends/klima/treibhausgas-emissionen-in-deutschland
Notwendige Minderung von 42 Millionen Tonnen jährlich ab 2026: https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/treibhausgasdaten-zeigen-klimaschutz-braucht-neuen




Tja, und nachdem unsere einzigartige Regierung schon den hocheffizienten Verbrenner erfunden hat, folgt jetzt die nächste Großtat: Schöpfung von Wasser durch Vertiefung des Flussbetts ... Ach, was haben wir's gut getroffen, immer was ist das Volk so undankbar 🤭
Eine ausgezeichnete Zusammenfassung, vielen Dank dafür! Das gebe ich direkt als Link an meine Bekannten weiter. Die lieben es nämlich auch, zu behaupten, einer alleine könne doch überhaupt nichts tun.