Wenn die AfD an die Macht kommt – was dann?
Es gibt ein Thema, das dieses Land gerade zerreißt. Es zerreißt Familien am Küchentisch, Freundschaften in WhatsApp-Gruppen, ganze Dörfer, in denen man sich plötzlich nicht mehr grüßt. Man kann ihm nicht ausweichen – es sitzt mit am Tisch, es liegt mit im Bett, es wartet in jeder Kommentarspalte. Und es ist kein Aufreger, der nächste Woche wieder verschwindet. Es ist die Frage, die über die nächsten Jahre entscheidet – über dein Land, deine Kinder, dein Leben: Was passiert eigentlich, wenn die AfD wirklich an die Macht kommt?
Ich will dir darauf keine Meinung verkaufen. Ich will dir erzählen, was ich gehört habe. Auf einer Bühne in Berlin, re:publica 26, drei Menschen, sechzig Minuten. Madeleine Henfling, die einmal Vizepräsidentin des Thüringer Landtags war. Matthias Quent, Soziologe, der Rechtsextremismus erforscht hat, als das noch niemanden interessierte. Und Max Schneller, ein junger Mann aus einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Und ich sage dir gleich vorweg: Ich bin da nicht rausgegangen und dachte, na ja, wird schon nicht so schlimm. Ich bin rausgegangen und dachte: Das müssen die Leute wissen. Alle.
Also gut. Zuerst das Wichtigste, knallhart, so wie es dort gesagt wurde:
Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt die Regierung übernimmt, dann werden in den ersten hundert Tagen Beamte sortiert. Nach Freund und Feind. Bist du für uns oder gegen uns? Wer falsch antwortet, wird nicht entlassen – das geht ja rechtlich nicht –, der wird versetzt, kaltgestellt, mürbe gemacht. 150 bis 200 Beamte wollen sie „versetzen”, das haben sie bereits angekündigt. Ministerien werden umgebaut, Behörden verschwinden. Mit dem ersten Haushalt wird den Vereinen der Geldhahn zugedreht: Demokratieprojekte, Flüchtlingshilfe, queere Initiativen – ein Federstrich, und sie sind weg. Der Lehrplan wird umgeschrieben. Man denkt sogar darüber nach, die Schulpflicht auszusetzen, damit das Ministerium die Kinder direkt prüfen kann. An den Lehrern vorbei. An genau den Lehrern, die vielleicht noch widersprechen würden. Die Rundfunkstaatsverträge werden gekündigt. Die Tür der Flüchtlingsaufnahme wird abgeschlossen – ob das legal ist, klärt man dann später, vor Gericht, jahrelang.
Das ist keine düstere Fantasie von Panikmachern. Das steht in ihrem Programm – einem Programm, so Henfling, „das die NPD nicht hätte besser schreiben können”. Man muss ihnen nur zuhören. Sie sagen es ja.
Man muss ihnen nur zuhören. Das ist eigentlich der ganze Trick.
Es wird nicht laut. Es wird leise.
Weißt du, was mich an diesem Abend am meisten erwischt hat? Nicht die großen Schreckensbilder. Sondern ein einziger Satz von Madeleine Henfling: „Und dann wird es sehr langweilig werden.”
Langweilig. Denk da mal drüber nach.
Wir alle warten auf den großen Knall. Auf Stiefel, auf Fackeln, auf irgendetwas, das man sofort erkennt. Aber so kommt das nicht. Das kommt als Aktenvermerk. Als Umstrukturierung. Als kleine, unscheinbare Änderung in einer Förderrichtlinie, die zufällig genau die Richtigen aussortiert. „So ein autoritärer Umbau”, sagt Henfling, „passiert in sehr vielen Grauzonen, in sehr dunklen Ecken.” Nach außen wird Krach gemacht – drei fette Provokationen, und das ganze Land diskutiert monatelang über nichts anderes. Henfling hat sogar durchgespielt, welche das wären: Rundfunkstaatsverträge kündigen. Einen Entschädigungsfonds für Corona-Bußgelder auflegen. Keine Geflüchteten mehr aufnehmen. Drei Knaller, bei denen alle rufen: „Das dürfen die doch gar nicht!” Und währenddessen, im Windschatten der Empörung, wird – ihre Worte – „im Hintergrund in aller Ruhe in den Ministerien aufgeräumt”.
Die Demokratie stirbt nicht mit einem Knall. Sie stirbt in der Ablage.

Und wie verkaufen die das?
Das ist ja das Perfide: Jeder einzelne dieser Schritte bekommt ein Heldenkostüm angezogen. Die Beamten aussortieren? „Wir befreien die Verwaltung von Blockierern.” Den Vereinen das Geld streichen? „Wir trocknen den Sumpf aus, der von euren Steuern lebt.” Den Rundfunk plattmachen? „Schluss mit Zwangsgebühren für Propaganda.” Keine Geflüchteten mehr? „Wir schützen endlich euer Land.”
Merkst du was? Es wird nie zerstört. Es wird immer gerettet. Wer die Demokratie abschafft, nennt es Rettung. Immer.
Und damit du den Kern nicht verpasst, sage ich ihn dir ganz direkt: Die AfD macht das alles nicht, weil sie Lösungen hat. Sie macht es, weil sie Macht gewinnen will – Macht über Institutionen, Macht über die Sprache, Macht über das, was wir für Wirklichkeit halten.
Die Schulen: Wo die Angst schon regiert, bevor die AfD regiert
Und jetzt kommen wir zu einem Ort, an dem das alles längst begonnen hat. Zur Schule.
In Sachsen-Anhalt gibt es seit 2018 ein Meldeportal, über das Schüler ihre Lehrer melden können, wenn diese angeblich nicht „politisch neutral” sind. Max Schneller nennt es beim Namen: ein Portal, „bei dem Schülerinnen und Schüler ihre Lehrkräfte anscheißen können”. Ein Jagdportal. Und was macht so etwas mit Menschen? Es macht sie stumm. „Viele Lehrerinnen und Lehrer sind so krass eingeschüchtert”, sagt Max, „dass sie sich nicht mal trauen, in der eigenen Klasse Widerstand zu leisten gegen menschenverachtende Aussagen.”

Max hat das selbst erlebt. Hitlergrüße auf dem Schulhof, Drohungen. Er hat seinem Schulleiter ein achtseitiges Gedankenprotokoll hingelegt. Die Antwort? „Na ja, wir hatten ja schon mal richtige Neonazis mit Springerstiefeln und Bomberjacke, davon sind wir jetzt weit entfernt.” Als wäre das ein Trost. Dabei laufen die Neonazis von heute nicht mehr in Springerstiefeln herum. Sie tragen New Balance, die Gürtel sitzen perfekt, der Seitenscheitel auch. Und wer noch nach Bomberjacken sucht, übersieht sie alle.
Und jetzt das Entscheidende, das Madeleine Henfling klargestellt hat und das man an jede Lehrerzimmertür nageln sollte: Es gibt kein Neutralitätsgebot. Es existiert nicht. Dieser Begriff ist eine Erfindung, ein Einschüchterungswerkzeug. „Faktisch ist dieser Neutralitätsbegriff der Versuch, Leute davon abzuhalten, in einer Demokratie klare Position für die Würde des Menschen zu beziehen”, sagt sie. Das Gegenteil ist wahr: Beamte – und verbeamtete Lehrer sind Beamte – sind verpflichtet, sich proaktiv für das Grundgesetz einzusetzen. Parteiisch zu sein im Sinne der Verfassung, gegen Rassismus, gegen Rechtsextremismus. Das ist nicht verboten. Das ist ihr Job.
Neutralität gegenüber Menschenverachtung ist keine Tugend. Sie ist Fahnenflucht.
Aber – und hier wird Henfling ehrlich, und diese Ehrlichkeit tut weh – so einfach ist es eben nicht. Denn was passiert mit den Lehrern, die sich tatsächlich hinstellen? Sie werden allein gelassen. Schulleitungen, die sich wegducken, statt sich vor ihre Leute zu stellen. Eltern-Shitstorms, die Existenzen zermürben können. Henfling kennt inzwischen viele Lehrerinnen und Sozialarbeiterinnen, „die kurz vorm Burnout stehen, weil sie in dieser Situation keinen Rückhalt haben”. Man kann nicht von Einzelnen Heldentum verlangen und ihnen gleichzeitig jede Deckung verweigern. Wer Zivilcourage fordert, muss Rückendeckung liefern. Sonst verheizt man die Mutigsten zuerst.
Jetzt wird’s unangenehm. Auch für mich.
Und jetzt muss ich etwas sagen, das mir nicht leichtfällt, weil ich niemanden beleidigen will. Wirklich nicht. Aber es muss raus.
Viele Menschen, die AfD wählen, kommen sich dabei ziemlich schlau vor. Als wären sie die Einzigen, die durchblicken. Die Einzigen, die noch wach sind, während der Rest schläft. Und genau dieses Gefühl – genau dieses – sollte dich stutzig machen. Denn dieses Gefühl ist kein Beweis für Klarheit. Dieses Gefühl ist das Produkt.
Frag dich doch mal ehrlich: Wie war das eigentlich in anderen Ländern, die in die Autokratie gerutscht sind? In Ungarn, in Russland, in der Türkei. In unserer eigenen Geschichte. Waren die Menschen dort blöd? Waren das alles Verbrecher? Wollten die, dass ihr Land kaputtgeht?
Natürlich nicht. Das waren normale Leute. Nachbarn. Kollegen. Leute, die ihre Kinder liebten und ihren Garten pflegten. Und die sich vollkommen sicher waren, auf der richtigen Seite zu stehen. Man ist manchmal gefangen im eigenen, scheinbar richtigen Wissen. Und das Gemeine daran: Gefangenschaft fühlt sich von innen an wie Durchblick.
Nimm diesen einen Glauben, der so tief sitzt: dass Migration das Problem dieses Landes sei. Der Glaube fällt nicht vom Himmel. Der wird eingeträufelt. Video für Video, Post für Post, Stammtisch für Stammtisch – so lange, bis er sich anfühlt wie selbst gedacht. Bis man ihn für die absolute Wahrheit hält. Ist er aber nicht. Er ist ein Angebot. Ein bequemer Schuldiger für komplizierte Probleme: kaputte Schulen, fehlende Wohnungen, überlastete Ämter, diese diffuse Angst vor der Zukunft. Nichts davon wird besser, wenn irgendwo eine Aufnahmestelle die Tür abschließt. Aber es fühlt sich an, als würde endlich mal durchgegriffen. Und dieses Gefühl ist ihre Währung.

Erst macht man die Zeugen unglaubwürdig
Bevor man die Wahrheit verbiegen kann, muss man die loswerden, die nachprüfen. Deshalb dieser Dauerbeschuss auf die Medien, allen voran die öffentlich-rechtlichen: Lügenpresse, Staatsfunk, alles gekauft.
Und jetzt mal ehrlich – ja, es gibt sie. Die schlecht recherchierten Beiträge. Die Fehler. Gibt es. So etwas passiert. Weißt du, warum? Weil da Menschen arbeiten. Tausende Menschen. Und Menschen machen Fehler – in Redaktionen genauso wie in Werkstätten, Krankenhäusern und Küchen. Sie sind deswegen nicht alle Lügner.
Aber genau daraus baut die AfD ihre Geschichte. Jeder Fehltritt wird gesammelt wie ein Beweisstück, hochgehalten, herumgereicht: Seht ihr? Alles gelogen! Schaut da nicht mehr hin! Schaut nur noch zu uns! Und irgendwann schauen die Leute wirklich nicht mehr hin. Dann gibt es kein Korrektiv mehr. Nur noch den eigenen Kanal, die eigene Blase. Wer dir sagt, du sollst niemandem mehr glauben außer ihm – der will nicht deine Freiheit. Der will deine Fernbedienung.
Dann die Angst. Und die Sündenböcke.
Parallel dazu wird das Land krankgeredet. Deutschland am sterbenden Ast, die Wirtschaft vor dem Kollaps. Und als Schuldige präsentiert man – jetzt halt dich fest – ausgerechnet die Dinge, die uns unabhängig machen: Solaranlagen. Windräder. Elektroautos.
Denk da mal eine Minute drüber nach. Ein Land, das sich jahrzehntelang abhängig gemacht hat von russischem Gas und fremdem Öl, baut sich endlich eine eigene Energieversorgung auf. Die Sonne schickt keine Rechnung. Der Wind lässt sich nicht erpressen. Und genau das erklärt man zum Feindbild.
Wie kriegt man das hin? Mit Zahlen, die keine sind. Da werden die „Kosten der Energiewende” zu Monsterbeträgen aufgepumpt, indem man einfach alles mit hineinrechnet, was sowieso erneuert werden müsste. Das fünfzig Jahre alte Stromnetz, das auch ohne ein einziges Windrad fällig wäre. Kraftwerke am Ende ihrer Laufzeit. Der ganze Sanierungsstau eines Landes – zack, den Windrädern in die Schuhe geschoben. Dass Erneuerbare im Betrieb längst der günstigste Strom sind, den wir haben, dass jede Anlage unsere Importrechnung senkt – das kommt in der Rechnung nicht vor. Es würde die Geschichte kaputt machen. Und die Geschichte ist ihnen wichtiger als jede Zahl.
Die Lust an der Zerstörung
Und jetzt kommt eine Zahl, bei der ich erst dachte, ich hätte mich verhört. Matthias Quent hat sie genannt, ganz ruhig, ganz nüchtern – und vielleicht war gerade diese Ruhe das Erschreckende:
Ein Drittel der Menschen in Sachsen-Anhalt will eine Revolution.
Ein Drittel. Das ist keine Behauptung von irgendwem, das steht im Sachsen-Anhalt-Monitor, einer wissenschaftlichen Studie, die vor wenigen Monaten veröffentlicht wurde. Ein Drittel der Menschen in diesem Bundesland will nicht, dass etwas repariert wird. Sie wollen, dass etwas eingerissen wird. Quent nennt das die „Lust an der Zerstörung” – ein Phänomen, das die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey beschrieben haben und das wir aus dem Trumpismus kennen: Menschen, die gar nicht mehr erwarten, dass Politik ihr Leben verbessert. Die nur noch wollen, dass es endlich kracht. Dass die da oben endlich auch mal Angst haben. Man wählt nicht mehr für etwas. Man wählt, damit es scheppert.
Und genau diese Lust, sagt Quent, kann eine AfD-Landesregierung bedienen. Nicht indem sie gut regiert – das will sie gar nicht. Sondern indem sie das Land chaotisiert. Zwei Szenarien standen an diesem Abend im Raum: die stille Transformation, über die irgendwann keiner mehr redet – oder die gezielte Disruption. Und Henfling fügte trocken hinzu: Es wird vermutlich beides gleichzeitig geben. Vorne der Lärm, hinten der Umbau.
Wie so eine Disruption aussieht, hat Quent an einem Beispiel durchgespielt, das du dir merken solltest, weil es das ganze Prinzip enthält. Es gibt in Deutschland den sogenannten Königsteiner Schlüssel – das Verteilsystem, nach dem Asylsuchende auf die Bundesländer verteilt werden. Jedes Land nimmt seinen Anteil, das ist die Geschäftsgrundlage des Föderalismus. Eine AfD-Regierung in Magdeburg könnte nun einfach erklären: Wir treten da aus. Wir machen nicht mehr mit.
Rechtlich, sagt Quent, würde man sofort rufen: Das geht gar nicht! Und das stimmt ja auch. Aber – und jetzt kommt der entscheidende Satz: „Wenn in der Erstaufnahme in Halberstadt die Tür zugeschlossen wird, weil die Landesregierung sagt, wir nehmen hier niemanden mehr auf, dann ist eine Tatsache geschaffen, die man dann mit den Mitteln des Rechts nachträglich versucht einzuholen.”
Lies das noch mal. Die Tür ist zu. Die Menschen sitzen auf der Straße. Und das Recht? Das Recht kommt hinterher, mit Aktenzeichen und Fristen, monatelang, jahrelang. Erst die Tatsache, dann der Prozess. Das ist die ganze Methode in einem Satz.
Und was passiert dann? Dann sagt die AfD: Hinter uns steht die Bevölkerungsmehrheit. Wir wollen keine Einwanderung, wir wollen keine Flüchtlinge – und wer dagegen klagt, klagt gegen das Volk. Plötzlich müssen sich alle anderen Bundesländer verhalten: Nehmen wir die Menschen auf, die da vor verschlossener Tür stehen? Nehmen wir sie nicht? Jede Antwort ist ein Konflikt, jeder Konflikt eine Schlagzeile, jede Schlagzeile ein Geschenk. Quent spricht es klar aus: Die AfD hätte damit „die Chance, über Jahre mit solchen Maßnahmen die politische Diskussion zu dominieren, durch Disruption die politische Mitte noch weiter vor sich herzutreiben” – und bei den nächsten Bundestagswahlen weit über 30 Prozent zu holen. Nicht weil sie regieren kann. Sondern weil sie die Agenda setzt. Wer die Themen bestimmt, muss keine Probleme mehr lösen.
Und sollte trotzdem einmal etwas schiefgehen – und es wird vieles schiefgehen –, dann ist der Schuldige längst gefunden. Dann heißt es: Berlin legt uns Steine in den Weg. Oder Brüssel. Oder, Quent sagte es mit bitterer Deutlichkeit, gleich „die zionistische Weltverschwörung”. In diesen Weltbildern, so sein Fazit, findet sich immer jemand anderes, der schuld ist. Eine Regierung, die für nichts verantwortlich ist, kann nicht scheitern. Das ist ihr Bauplan.
Und falls du jetzt hoffst, die verkacken das schon von ganz alleine – diese Hoffnung hat Henfling an dem Abend höflich, aber gründlich beerdigt. Ja, die AfD verbockt ständig etwas. „Die Frage ist immer: Was ist der Maßstab?” In Thüringen regiert das BSW mit und verbockt ziemlich viel – „es interessiert aber keinen, und es merkt auch keiner”. Und wer auf ein Chaos wie in Trumps erster Amtszeit setzt, den warnt sie: Der völkische Flügel um Höcke schaut genau auf Sachsen-Anhalt und wird aus allen anderen Landtagsfraktionen seine erfahrensten Leute dorthin schicken – Strategen mit zehn Jahren Parlamentserfahrung, mit denen sie selbst lange genug im Landtag saß, um zu wissen: „Ich würde die nicht unterschätzen.” Wer darauf wettet, dass die Feinde der Demokratie unfähig sind, hat schon verloren.
Der Hass. Und was er kostet.
Und jetzt zu dem Teil, über den man nicht gern schreibt. Über den man aber schreiben muss.
Max Schneller hat sich vor einem Jahr ganz allein vor eine Querdenker-Demo gestellt. Kleinstadt, 11.000 Einwohner, man kennt sich. Eine Rede fürs Grundgesetz, mehr nicht. Danach durfte er in seiner Abschlussprüfungswoche eine Woche lang nicht zu Hause schlafen – auf Rat der Polizei, weil die Gefährdungslage nicht einzuschätzen war. Im März klingelte es nachts an seiner Tür. Seitdem steht seine Adresse priorisiert im Lagezentrum der Polizei, Streifen fahren verstärkt an seinem Haus vorbei. Die Innenministerin persönlich hat sich eingeschaltet.
Ein Junge, der eine Rede fürs Grundgesetz hält, braucht in diesem Land Polizeischutz. Lies den Satz ruhig noch mal.
Und im Netz? „Der Hass digital ist meistens noch viel, viel schlimmer als analog”, sagt Max. „Die Hemmschwelle ist dort ganz unten. Die trauen sich, jeden Unsinn zu sagen und jede scheiß Morddrohung wirklich rauszuposaunen.” Morddrohungen. Todeswünsche. Nicht als Ausnahme, sondern als Grundrauschen. Kommentarspalten, die so mit Hass geflutet werden, dass man sie irgendwann abschalten muss – und damit genau die Diskussion verliert, die man eigentlich führen wollte. Das trifft ihn, das trifft alle auf diesem Podium, das trifft jeden, der sich öffentlich gegen rechts stellt. Und Max bringt es auf den Satz, den du dir merken solltest: „Diejenigen, die am lautesten nach Meinungsfreiheit schreien, sind die, die am Ende andere Meinungen nicht zulassen.”
Genau das ist der Zweck des Hasses. Er ist keine Entgleisung, er ist eine Strategie. Jede Morddrohung ist eine Botschaft an tausend andere: Halt du lieber den Mund. Der Hass gilt einem – gemeint sind alle.
Was du tun kannst. Konkret.
So, und jetzt bitte nicht in die Ohnmacht sacken. Denn genau dagegen hat Matthias Quent ein ganzes Buch geschrieben, und seine Antworten an diesem Abend waren erstaunlich konkret.
Erstens: Vorbereiten statt empören. Henfling nennt es „zivilgesellschaftlichen Katastrophenschutz”. Der funktioniert ja auch nur, weil man den Ernstfall durchspielt, bevor er eintritt. Organisationen, Stiftungen, Gewerkschaften, Medien – jeder sollte sich jetzt fragen: Was ist meine Aufgabe, wenn es passiert? „Wenn es nicht eintritt, wunderschön”, sagt sie. „Aber wenn es eintritt, dann haben wir es einmal durchgespielt.”
Zweitens: Geld und Recht. Die juristische Auseinandersetzung wird zentral – welche Erlasse, welche Personalentscheidungen sind rechtswidrig? Aber Klagen brauchen Kläger, und Kläger brauchen Rückhalt. Es braucht Fonds für Klageverfahren, Anwältinnen, Anlaufstellen für verunsicherte Beamte und Lehrer – in Hochschulen, in Betrieben, über Personalräte und Gewerkschaften. Denn diesen Satz von Quent solltest du dir einrahmen: „Das Recht ist geduldig, die Gesetze sind geduldig – die wehrhafte Demokratie ist nur dann wehrhaft, wenn sie auch umgesetzt wird.” Sachsen-Anhalt hat sogar eine Antifaschismusklausel in der Landesverfassung, die jeden verpflichtet, gegen das Wiederaufleben von Nazismus, Rassismus und Antisemitismus vorzugehen. Das Problem: Kaum ein Beamter kennt sie. Ein Schwert, das keiner zieht, schützt niemanden.
Drittens: Solidarität, die man anfassen kann. „Wir reden immer alle von Solidarität”, sagt Henfling. „Aber was meinen wir konkret? Klopfen wir denen auf die Schulter und sagen: Ist aber blöd?” Nein – Solidarität heißt: Geld aus anderen Bundesländern, Hilfe bei Sicherheitsfragen, Netzwerke, die stehen, bevor man sie braucht. Mitgefühl ist ein Anfang. Eine Überweisung ist ein Argument.
Viertens: Die Bilder geraderücken. Das ist Max’ Punkt, und er hat ihn mit Wucht gemacht: Hört auf, Ostdeutschland nur im Katastrophenmodus zu zeigen. Als tagelang über ein AfD-Fest in Schönebeck berichtet wurde, standen am nächsten Tag 700 Menschen beim CSD in Dessau-Roßlau – und kaum einer berichtete darüber. „Auch das ist Sachsen-Anhalt”, sagt Max. Denn wenn Menschen nur noch Bilder vom Rechtsruck sehen, wird rechte Dominanz irgendwann zur gefühlten Normalität. Und gegen gefühlte Normalität kämpft man nicht mehr an.
Fünftens, und das ist Quents größter Punkt: Es braucht eine Alternative zur Alternative. Eine demokratische Kraft, die auf den Marktplätzen steht, in den Dörfern, die Menschen emotional erreicht – „nicht belehrend, nicht abstrakt, nicht weit weg”. Denn solange ein großer Teil der Menschen das Gefühl hat, alle anderen hätten es ohnehin schon verbockt, kann die AfD machen, was sie will. Dann heißt es nur: Ist halt so. Gibt ja nichts anderes.
Und zuletzt das, was du ganz persönlich tun kannst – und es ist fast beschämend einfach: Bleib nicht allein. Rede mit deinen Nachbarn. Rede über deine Angst. Fang an, irgendetwas zu tun. Quent hat für sein Buch eine Studie gemacht, und das Ergebnis ist bemerkenswert: Nichts mobilisiert demokratische Widerstandskräfte so stark wie der Gedanke an eine AfD-Regierung. Und aus der Engagementforschung weiß man: In dem Moment, in dem ich anfange zu handeln, erwächst Selbstwirksamkeit – und die autoritären Versprechungen verlieren an Attraktivität. Ohnmacht ist keine Eigenschaft. Ohnmacht ist ein Zustand – und Zustände kann man ändern. Handeln ist das einzige Medikament gegen Hilflosigkeit, das ohne Rezept zu haben ist.
Warum die AfD das alles macht – und warum es eine Sackgasse ist
Lass es uns am Ende noch einmal ganz klar sagen, ohne Schnörkel.
Die AfD macht das alles nicht, weil sie Lösungen hat. Sie hat keine. Kein Konzept gegen den Fachkräftemangel, keins für die Rente, keins für die Wirtschaft, keins für deine Stromrechnung. Sie macht es, weil sie Macht gewinnen will – Macht über Institutionen, Macht über die Sprache, Macht über das, was wir für Wirklichkeit halten. Dafür braucht sie Angst, dafür braucht sie Sündenböcke, dafür braucht sie den Hass. Angst ist ihr Treibstoff, Spaltung ihr Werkzeug, Macht ihr einziges Ziel. Wer dir Feinde liefert statt Lösungen, will nicht dein Leben verbessern – er will dich benutzen.
Und deshalb ist dieser Weg immer, wirklich immer, eine Sackgasse. Schau in die Geschichte, schau in die Gegenwart: Kein Land ist je reicher, freier oder glücklicher geworden, indem es sich eingemauert, seine Nachbarn zu Feinden erklärt und die eigenen Leute bespitzelt hat. Autoritäre Systeme versprechen Stärke und liefern Stillstand. Sie versprechen Ordnung und liefern Angst. Sie versprechen Gemeinschaft und liefern Misstrauen – bis am Ende jeder jeden verdächtigt und keiner mehr laut denkt.
Denn so funktionieren wir Menschen nicht. Wir sind nie dadurch weitergekommen, dass wir uns abgeschottet haben, sondern dadurch, dass wir uns ausgetauscht haben. Ideen, Handel, Wissen, Menschen – alles, was uns je vorangebracht hat, kam durch Begegnung. Gerade heute, wo keine einzige große Frage mehr an einer Grenze haltmacht – nicht das Klima, nicht die Wirtschaft, nicht die Technologie, nicht der Frieden –, ist Isolation keine Stärke. Isolation ist Selbstverstümmelung in Zeitlupe. Ein Land, das sich abschottet, wird nicht sicherer. Es wird nur einsamer, ärmer und dümmer.
Wir können als Menschen nur miteinander leben und uns miteinander weiterentwickeln. Es gibt keinen anderen Weg. Es gab nie einen. Alles andere ist eine Tür, die ins Leere führt – und die AfD steht davor und verkauft dir Eintrittskarten.
Zum Schluss: Margot.
Max Schneller beendete den Abend mit einer Erinnerung. Margot Friedländer, die Holocaust-Überlebende, hatte wenige Tage zuvor ihren ersten Todestag. Sie hat uns aufgetragen, die Zeitzeugen zu sein, die sie nicht mehr sein kann. „Dass wir den Artikel 1 des Grundgesetzes wirklich jedem Menschen zusprechen”, sagte Max, „das ist unsere Pflicht, mehr denn je.”
Und dann sein Satz, der bleibt: „Vergesst nicht, dass wir mehr sind als nur die 41 Prozent, die AfD wählen.” Sachsen-Anhalt, das sind auch die, die in zwanzig Jahren nicht sagen wollen: Wir haben es gesehen und nichts getan. Sondern: Wir haben alles gemacht, was wir konnten.
Ich jedenfalls möchte den ersten Satz nie sagen müssen. Du auch nicht, oder?
PS: Und falls ich dir mit diesem Beitrag gerade den Tag vermiest habe – entschuldige. Das war nicht meine Absicht, ehrlich nicht. Ich will die Zukunft gar nicht so düster an die Wand malen, ich bin keiner, der gerne im Untergang badet. Ich glaube nämlich immer noch, dass wir die Kurve kriegen. Aber Kurven kriegt man nur, wenn man rechtzeitig hinschaut – nicht, wenn man die Augen zumacht. Genau deshalb dieser Text.
Quellen
Das Panel (re:publica 26, 19.05.2026):
Session-Seite: re-publica.com – Programmeintrag zur Session
Partner der Session: Campact e.V. bzw. campact.de
Die Personen auf der Bühne:
Madeleine Henfling – Campact-Campaignerin, bis 2024 Vizepräsidentin des Thüringer Landtags
Matthias Quent – Soziologe und Rechtsextremismusforscher, matthias-quent.de
Max Schneller – Aktivist, @maximal.demokratisch auf Instagram
Astrid Deilmann – Moderation
Studien und Bücher, die im Panel genannt werden:
Sachsen-Anhalt-Monitor 2025: „Zwischen Autokratisierung und Demokratisierung” – PDF der Studie | Übersichtsseite der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt
Matthias Quent: „Keine Macht der Ohnmacht. Wie wir Krisen bewältigen und uns gegen Faschismus wehren” (Piper, 2026) – Verlagsseite | Buchwebsite
Carolin Amlinger / Oliver Nachtwey: „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus” (Suhrkamp, 2022) – Verlagsseite (Quelle für die „Lust an der Zerstörung”)
Hintergrund zu Max Schneller:



Dein Text und die Kommentaren darunter waren heute meine Frühmorgenslektüre. Ich schließe mich dem an, was Jeffrey schon geschrieben hat: Meine Tage sind längst vermiest. Bei mir begann es 2015 als wir plötzlich uniformierte "Bürgerwehren" durchs Dorf patrouillieren hatten, weil wir zwei Hände voll Geflüchtete aufnehmen mussten. (Wir waren damals nichtmal in der Nähe des Königssteiner Schlüssels.) Wie viele Gespräche ich geführt habe, um den Leuten beim Einkaufen und am Gartenzaun zu erkären, dass die "neuerdings so verdächtig hohe Polizeipräsenz" in diesen Typen begründet lag und nicht in den paar Menschen mit anderer Hautfarbe. Das war für mich der Augenblick, in dem ich gemerkt habe: Hier kippt etwas.
Danke für deine klaren Worte. Ich habe gestern die aktuelle Folge von "Die Lage der Nation" gehört, in dem die beiden Hosts eine Psychologin befragen, die ihr Fachgebiet mit Politikwissenschaften verbunden hat und sich fragt, wie unsere Politik psychologisch gesehen besser, d.h. resistenter gegen diesen Rechtsruckkram werden kann. Leider hatte sie außer "mit den Leuten reden" und "besser erklären nur sehr wenig Argumente, die mich überzeugt haben, abgesehen vielleicht von "Selbstwirksamkeit aneignen". Dazu gleich unten mehr.
Dieses Gefühl "Man kann sowieso nichts mehr machen" ist fies, gleichzeitig denke ich an etwas, das ich neulich las und das mir zumindest die Situation im Netz ein bisschen anders eingeordnet hat: Einer der Tricks der Neuen Rechten, ist es, Interessenten zu raten, als erstes so viele Social Media-Accounts wie möglich anzulegen und diese zu nutzen, um ihre Propaganda vielfach ins Netz zu blasen. Dazu entwickelt man außerdem gerade eine KI, die darauf spezialisiert ist, möglichst zugespitzte Aufreger zu erstellen, als Text, Meme, Video. Man gibt ein Thema ein, die KI durchsucht die einschlägigen Presseportale und bastelt daraus etwas hübsch Provokantes.
Das ist darum ein Punkt, um den ich deine Liste ergänzen möchte: Wir müssen endlich anerkennen, dass wir uns im virtuellen Raum längst in einem Krieg befinden, in dem wir dringend aufrüsten müssten.
Was das Thema "Selbstwirksamkeit" angeht: As Autorin und Schreibcoach bin ich der Meinung, dass nichts besser ist, sich wirksam zu fühlen, als über die eigenen Ängste und Themen zu schreiben. Leider sitzen wir dabei alle allein zu Hause am Schreibtisch. Darum arbeite ich mit einer Strafrechtsprofessorin gerade an einem Schreibprojekt, in dem wir Menschen miteinander vernetzen wollen.
Danke für dein Text, der es sehr gut auf den Punkt bringt.
Die Wut, Unzufriedenheit oder „schlechte Stimmung“ im Osten ist ja auch nicht neu… aber sie wird durch die AfD bestätigt (irgendwie). Es geht viel um Emotionen.
Es ist nur schade, dass das andere Parteien nicht erkennen - ich will hier nicht auf der CDU und Merz rumhacken, aber ist so. Und ich sage das jetzt nicht nur, weil ich Psychologin bin, aber Reden bewirkt Wunder. Politik auf allen Ebenen muss mehr mit den Menschen reden. Die AfD macht das, CDU absolut nicht…