Ich weiß nicht, wann du das hier liest. Vielleicht sitzt du im Januar in einer geheizten Wohnung und hast gerade den Mantel über die Stuhllehne gehängt. Bei mir ist es beim Schreiben genau umgekehrt. Der Ventilator läuft seit dem Frühstück, die Luft steht trotzdem, und ich war heute schon zweimal duschen, obwohl ich den halben Tag am Schreibtisch gesessen habe. Das T-Shirt von heute Vormittag liegt längst in der Wäsche.
Wer bei diesem Wetter in eine volle S-Bahn steigt, weiß, worauf ich hinauswill. Da geben sich alle Mühe, wirklich alle, und nach zwanzig Minuten riecht der Wagen trotzdem sehr deutlich nach Mensch. Man schaut sich dann kurz um und hofft insgeheim, dass man selbst nicht die Ursache ist.
Genau an dieser Stelle bin ich neulich hängengeblieben. Ist das eigentlich überall auf der Welt so?
Mein Sohn war in Japan. Tokio, Hochsommer, Züge so voll, dass man sich nicht mehr selbst festhalten muss, weil einen die anderen Fahrgäste ohnehin tragen. Er hat mir erzählt, dass ihm dort kaum je ein unangenehmer Geruch aufgefallen ist, auch nicht im dichtesten Gedränge bei über dreißig Grad.
Meine erste Vermutung war die naheliegende: Die waschen sich eben gründlicher. Falsch ist das nicht. Aber der eigentliche Grund hat mit Duschgel überhaupt nichts zu tun, und beim Nachlesen habe ich ziemlich gestaunt.
Vorweg eine Nachricht, die einigen vielleicht neu ist: Schweiß riecht gar nicht
Klingt merkwürdig, stimmt aber. Frisch aus der Haut ist das Zeug so gut wie geruchlos.
Wir haben zwei verschiedene Sorten Schweißdrüsen. Die ekkrinen sitzen fast überall am Körper und geben im Wesentlichen Wasser und Salz ab. Das ist unser Kühlsystem, und bei diesem Wetter läuft es im Dauerbetrieb. Die apokrinen Drüsen dagegen sitzen vor allem in den Achselhöhlen, sie werden erst in der Pubertät aktiv, und sie geben ein fettigeres Sekret ab, in dem Eiweißbausteine stecken.
Diese Bausteine sind für sich genommen völlig harmlos. Nur leben auf unserer Haut Bakterien, und die finden das Angebot ausgezeichnet. Sie zerlegen die Moleküle, und was bei dieser Mahlzeit übrig bleibt, ist genau der Geruch, den wir in der S-Bahn so schätzen.
Wir stinken also streng genommen nicht selbst. Das übernehmen unsere Untermieter. Ein kleiner Trost ist das schon.
Damit sind wir bei der eigentlichen Frage. Denn die Rohstoffe für dieses bakterielle Abendessen müssen ja erst einmal in der Achselhöhle ankommen, und dafür braucht es in der Drüsenzelle eine Art Pumpe. Die trägt den wenig poetischen Namen ABCC11.
Ein einziger Buchstabe, und was er anrichtet
Jetzt wird es kurios, und zwar so kurios, dass man es beim Lesen für einen Übersetzungsfehler halten könnte.
Eine Forschergruppe um Koh-ichiro Yoshiura aus Nagasaki veröffentlichte 2006 in Nature Genetics eine Arbeit, in der es eigentlich um etwas ganz anderes ging, nämlich um Ohrenschmalz. Davon gibt es zwei Sorten, eine feuchte gelbbraune und eine trockene helle. Welche man hat, ist reine Vererbung. [1]
Ohrenschmalz und Achselgeruch. Was hat das bitte miteinander zu tun?
Eine ganze Menge. Und der Weg dorthin ist schöner als das Ergebnis.
Unser Erbgut besteht aus etwa drei Milliarden Buchstaben. An einer einzigen Stelle davon, im Gen ABCC11, an der Position 538, steht bei den einen ein G und bei den anderen ein A. [1] Das klingt zunächst so folgenreich wie ein Tippfehler im Telefonbuch. Ist es aber nicht, und der Grund dafür hat mir beim Lesen ziemlich gut gefallen.
Dieser Buchstabe steht nämlich nicht irgendwo herum. Er gehört zur Bauanleitung für ein Eiweiß, und je drei Buchstaben ergeben darin einen Baustein. Durch den Tausch an Position 538 wird an der Stelle 180 dieses Eiweißes ein anderer Baustein eingesetzt. Statt Glycin, der kleinsten und unauffälligsten aller Aminosäuren, sitzt dort auf einmal Arginin, das deutlich größer und obendrein elektrisch geladen ist. In der Fachsprache heißt dieser Vorgang Gly180Arg. [3]
Ja, das ist jetzt ein bisschen viel Unterrichtsstoff, und manche von euch gähnen schon beim Lesen. Ist gleich vorbei, versprochen.
Also weiter. Man kann sich das vorstellen wie beim Aufbau eines Schranks, bei dem eine kleine Schraube durch einen Türknauf ersetzt wird. Hinterher fehlt nicht etwa ein Teil. Es passt einfach nichts mehr zusammen.
Genau das geschieht hier. Das Eiweiß, um das es geht, ist eine Pumpe. Sie sitzt normalerweise in der Wand der Achseldrüsenzelle und befördert jenes Rohmaterial nach außen, aus dem die Hautbakterien anschließend ihr Duftkonzert veranstalten. Mit dem sperrigen Baustein an Stelle 180 faltet sich diese Pumpe nicht mehr korrekt zusammen.
Und jetzt kommt die Qualitätskontrolle ins Spiel, denn die gibt es in jeder Zelle. Sie sieht sich neu gebaute Eiweiße an, und was ihr verbogen vorkommt, bekommt eine Art Aufkleber verpasst und wandert direkt in den Reißwolf, den die Fachleute Proteasom nennen. Die Pumpe geht also gar nicht kaputt. Sie erreicht ihren Arbeitsplatz nie. Sie wird in der Werkstatt entsorgt, bevor sie überhaupt jemand eingebaut hat. [3]
Wer trockenes Ohrenschmalz hat, hat es also aus exakt demselben Grund, aus dem seine Achseln nichts liefern. In beiden Drüsen fehlt dieselbe Pumpe.
Ein Detail noch, weil es erklärt, warum die Sache so bleibt, wie sie ist: Man braucht das A von beiden Elternteilen. Eine einzige funktionierende Version genügt, und die Pumpe arbeitet. [3] Im Zweifelsfall setzt sich also die Pumpe durch, und mit ihr der Geruch.
So, jetzt habt ihr es geschafft. Aber das war wichtig um den Rest zu verstehen.
Denn nun der Punkt, um den es hier eigentlich geht. Diese Variante ist über die Welt ausgesprochen ungleich verteilt. In Ostasien tragen sie über achtzig Prozent der Menschen, in Korea liegt der Anteil noch höher. In Europa, Afrika und Nordamerika sind es weniger als drei Prozent. [1] [2]
Mein Sohn hat in diesem Zug also keine besonders disziplinierten Menschen erlebt. Er stand in einem Waggon voller Leute, deren Achseln biochemisch gar nicht erst liefern, was bei uns den Geruch erzeugt.
Woher diese Verteilung kommt, ist nicht abschließend geklärt. Die Variante ist offenbar im Nordosten Asiens entstanden und hat sich von dort ausgebreitet, und sie trägt Spuren natürlicher Selektion. Eine Hypothese lautet, weniger zu schwitzen könnte in einem sehr kalten Klima ein Vorteil gewesen sein. [2] Bewiesen ist das nicht, und ich hüte mich, daraus eine schöne runde Geschichte zu basteln.
Nebenbei erklärt das auch, warum Deodorant in Japan lange ein Nischenprodukt war. Statista beziffert den dortigen Markt für 2025 auf ungefähr viereinhalb Euro Umsatz pro Kopf und Jahr [4], was für ein Land mit dieser Kaufkraft bemerkenswert wenig ist. Es gibt sogar ein eigenes Wort dafür, wie die Fremden rochen: bata-kusai, wörtlich butterstinkend. Gemeint war damit alles Westliche. Man ahnt, welchen Eindruck die ersten europäischen Besucher hinterlassen haben.
Und weil starker Achselgeruch dort so selten ist, wird er ganz anders behandelt als bei uns. Er hat einen eigenen Namen, wakiga, er gilt als medizinisches Thema, und es wurde sogar ein Schnelltest entwickelt, der die Genvariante in einer halben Stunde bestimmt. [3] Man kann sich in Japan also ärztlich bescheinigen lassen, ob man riecht. Bei uns übernimmt diese Aufgabe die S-Bahn. Kostenlos und ohne Termin.
Damit ist die Sache aber noch nicht erledigt
Denn jetzt wird es widersprüchlich, und diesen Widerspruch finde ich fast interessanter als die Genetik.
Gerade weil starker Körpergeruch in Japan selten ist, gilt er dort als besonders unangenehm. Wo ihn fast jeder hat, gehört er zum Alltag und niemand verliert ein Wort darüber. Wo ihn kaum jemand hat, fällt er sofort auf. Entsprechend groß ist die gesellschaftliche Aufmerksamkeit dafür, und entsprechend wächst dieser kleine Deo-Markt inzwischen.
Dazu kommt eine Badekultur, die mit unserer nicht viel zu tun hat. Öffentliche Badehäuser, die späteren Sentō, gehörten in der Edo-Zeit zum Alltag der Städte, und sie waren immer auch Treffpunkt. [5] Wer heute in ein japanisches Bad geht, wäscht sich vorher gründlich ab, und zwar außerhalb der Wanne. Ins Wasser steigt man sauber. Die Wanne ist zum Entspannen da, nicht zum Putzen.
Was den leeren Geruchsraum in diesem Zug erklärt, ist also beides zusammen: die Biologie und eine Gewohnheit, die seit Jahrhunderten in dieselbe Richtung zieht.
Und wir? Wir haben uns unser Problem zum Teil selbst gebaut
Hier habe ich beim Recherchieren am meisten dazugelernt.
Man könnte ja meinen, Europa habe sich beim Thema Sauberkeit langsam und stetig nach oben gearbeitet, vom dreckigen Mittelalter bis zur Regendusche. Das ist eine hübsche Geschichte, und sie stimmt hinten und vorne nicht.
Fangen wir weit vorn an. Im Grab einer Ägypterin namens Hatnefer, gestorben vor rund dreieinhalbtausend Jahren, lagen Spiegel, Öle, Salben, Kosmetik und ein Rasierer. [6] Körperpflege ist keine Erfindung der Drogeriemärkte.
Die Römer machten aus dem Baden dann eine öffentliche Großveranstaltung. Und auch das Mittelalter war längst nicht das Schmutzloch, als das wir es aus Filmen kennen. In den Städten gab es Badestuben, in denen gewaschen, geschwitzt und ausgiebig geschwatzt wurde, und die medizinischen Standardwerke der Zeit befassten sich sehr ausführlich mit Ernährung, Lebensführung und Körperpflege. [7] Das Problem war weniger der Mensch als die Stadt um ihn herum, in der Abfälle und Fäkalien schlicht in der Gasse landeten.
Und dann passiert etwas, was ich schon wusste. In der frühen Neuzeit geht es rückwärts. Also ähnlich, wie heute die Politik in vielen Ländern. Aber das ist ein anderes Thema.
Die Badehäuser geraten in Verruf, unter anderem weil sich die Syphilis ausbreitet und man sie mit ihnen in Verbindung bringt. Gleichzeitig setzt sich die Vorstellung durch, warmes Wasser öffne die Poren und lasse Krankheiten in den Körper. Aus heutiger Sicht ist das Unfug. Damals war es eine plausible Theorie, denn von Bakterien wusste niemand etwas. Also badete man weniger und übertönte den Rest mit Duft.
Hier lag übrigens mein eigener Denkfehler, mit dem ich jahrzehntelang herumgelaufen bin. Die weiß gepuderten Perücken, die geschminkten Gesichter, das schwere Parfüm, all das hatte ich im Kopf irgendwo im Mittelalter einsortiert. Stimmt nicht. Das ist das 17. und 18. Jahrhundert, Barock und Rokoko. Ludwig XIV. machte die große Perücke am französischen Hof zum Statussymbol, gepudert wurde mit Stärke, Mehl oder Kreide, und zusammengehalten hat das Ganze Pomade. [8]
Man stelle sich diese beiden Männer einmal nebeneinander vor. Um 1750 steht in Versailles einer im besten Tuch, Puder im Haar, Parfüm am Kragen. Zur selben Stunde sitzt in Edo, dem heutigen Tokio, ein Handwerker nach Feierabend im heißen Wasser eines Badehauses. Beide hielten sich für vollkommen gepflegt, und beide hätten den anderen vermutlich für einen ziemlich sonderbaren Menschen gehalten.
Selbst danach ging es nicht geradeaus weiter. In den USA war regelmäßiges Ganzkörperbaden noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts alles andere als selbstverständlich. Manche hielten es sogar für riskant, weil sie glaubten, die natürliche Schicht aus Hautfett und Schmutz schütze den Körper. [9] Erst mit der Keimtheorie, den Wasserleitungen und der Kanalisation drehte sich das.
Womit wir bei etwas sind, das wir im Alltag gern vergessen. Sauberkeit ist immer auch eine Frage der Technik. Ich drehe den Hahn auf, und warmes Wasser kommt heraus. Dahinter stehen Wasserwerke, Pumpen, Leitungen, Kläranlagen und ein Boiler im Keller. Wer jeden Eimer erst aus dem Brunnen holen und über dem Feuer erhitzen muss, entwickelt zwangsläufig andere Gewohnheiten. Wer alt genug ist, kennt das sogar noch aus der eigenen Familie, aus der Zeit, als der Samstag Badetag hieß und alle nacheinander in dieselbe Wanne stiegen.
Was blieb hängen
Wir werfen im Alltag gern zusammen, was sich völlig unabhängig voneinander entwickelt hat: die Pflege des eigenen Körpers, die Sauberkeit der Stadt, in der man lebt, und die medizinische Hygiene, die Krankheiten verhindert. Ein Mensch konnte sich im 14. Jahrhundert sorgfältig waschen und trotzdem in einer Gasse voller Ratten wohnen. Ein Höfling in Versailles konnte blendend aussehen und seit Wochen nicht in der Wanne gewesen sein.
Wenn ich heute Abend also zum dritten Mal unter die Dusche gehe, dann nicht, weil ich sauberer wäre als jener Handwerker in Edo. Edo ist der alte Name von Tokio. Ich habe nur einen Boiler im Keller und eine Genvariante geerbt, die den Hautbakterien ein reichhaltiges Abendessen serviert. Und ich lebe in einer Gesellschaft, die daraus ein Problem gemacht hat, das man gefälligst zu lösen hat.
Der Handwerker im alten Tokio hätte über drei Duschen an einem Tag vermutlich nur den Kopf geschüttelt. Er hat sich nach der Arbeit ins heiße Wasser gesetzt, eine halbe Stunde lang, und sich dabei mit dem Nachbarn über die Preise unterhalten.
Ich gebe zu, seine Lösung gefällt mir besser.
Danke fürs Lesen!
Quellen
[1] Yoshiura, K. et al.: A SNP in the ABCC11 gene is the determinant of human earwax type. Nature Genetics 38, 2006 Die Originalarbeit zur Variante 538G>A, zum Ohrenschmalz-Typ und zur weltweiten Verteilung des Allels. https://www.nature.com/articles/ng1733
[2] Ohashi, J., Naka, I., Tsuchiya, N.: The Impact of Natural Selection on an ABCC11 SNP Determining Earwax Type. Molecular Biology and Evolution 28, 2011 Zur Entstehung der Variante in Nordostasien, zur Selektion und zur Hypothese des geringeren Schwitzens als Anpassung an kaltes Klima. https://academic.oup.com/mbe/article/28/1/849/987325
[3] Toyoda, Y. et al.: Earwax, osmidrosis, and breast cancer: why does one SNP (538G>A) in the human ABC transporter ABCC11 gene determine earwax type? Zum Zusammenhang zwischen Genvariante, apokriner Drüsenfunktion und Geruchsbildung. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19383836/
[4] Statista Market Insights: Deodorants, Japan Marktvolumen und Umsatz pro Kopf für den japanischen Deodorantmarkt. https://de.statista.com/outlook/cmo/beauty-personal-care/koerperpflege/deodorants/japan
[5] Japanische Botschaft in Deutschland: Geschichte der öffentlichen Badehäuser in Japan Zur Entwicklung der Sentō und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. https://www.de.emb-japan.go.jp/NaJ/NaJ1308/sento.html
[6] The Metropolitan Museum of Art: The Housemistress in New Kingdom Egypt: Hatnefer Zu Kosmetik, Ölen, Spiegeln und Rasierer im Grab der Hatnefer. https://www.metmuseum.org/de/essays/the-housemistress-in-new-kingdom-egypt-hatnefer
[7] Library of Congress: Regimen of Health / Regimen Sanitatis Das um 1308 entstandene Werk zu Gesundheitsvorsorge, Ernährung und Lebensführung, über Jahrhunderte in Europa verbreitet. https://www.loc.gov/resource/gdcwdl.wdl_15400/?st=gallery
[8] Schweizerisches Nationalmuseum: Macht und Pracht der Perücke Zur europäischen Perücke des 17. und 18. Jahrhunderts, zu Puder und Pomade. https://blog.nationalmuseum.ch/2023/02/macht-und-pracht-der-peruecke
[9] Smithsonian Institution, National Museum of American History: Bathing, Body Soaps and Cleansers Zum Wandel der Badegewohnheiten in den USA im 19. Jahrhundert. https://www.si.edu/spotlight/health-hygiene-and-beauty/bathing-body-soaps-and-cleansers







Großartig geschrieben, Stefan! 😂 Wieder so ein Text, bei dem man mit einer vollen S-Bahn anfängt und plötzlich bei Genetik, Ohrenschmalz, Edo und Versailles landet.
Den muss ich unbedingt meiner japanischen Schwägerin schicken. Vielleicht versteht sie danach endlich, warum mein Bruder riecht – offenbar kann er gar nichts dafür, ihm fehlt einfach die passende japanische Genvariante. 🤣
Danke für diesen wunderbar unterhaltsamen Ausflug in Wissenschaft und Geschichte!
Ganz wunderbar geschrieben. Ich liebe die Mischung aus Alltag und Wissenschaft, gepaart mit Geschichte und Humor. Vielen Dank.