Willkommen in Zombieland
Was im Frankfurter Bahnhofsviertel wirklich passiert, warum das saubere München trotzdem mehr Drogentote zählt – und was ein Fußballverein in Reykjavík damit zu tun hat.
Es ist ein später Donnerstagabend Anfang Juni, und in der Niddastraße stehen ein gutes Dutzend Männer an der Fassade einer Sparkassen-Filiale, aufgereiht wie zum Appell. Vor ihnen: Polizisten in voller Montur, die dafür sorgen, dass die Kontrollierten innerhalb der Absperrung bleiben und die Schaulustigen draußen. Hinter ihnen: Bauzäune. Die Karlstraße wird saniert, in der Moselstraße werden Fernwärmeleitungen erneuert, vom Karlsplatz bis zur Kaiserstraße ist die Fahrbahn fast blickdicht abgezäunt. Wer hier lebt, teilt sich mit der offenen Drogenszene einen Bürgersteig, der an manchen Stellen keine zwei Meter breit ist.
Englische Boulevardblätter und Influencer haben diesem Dreieck aus Niddastraße, Karlsplatz und Moselstraße einen Namen gegeben: „Zombieland”. Die Videos, die von hier aus um die Welt gehen, zeigen Menschen, die im Stehen wegdämmern, die sich nicht mehr bewegen, die aussehen, als hätte jemand in ihnen das Licht ausgeschaltet. Und die Zahlen dahinter sind keine Einbildung empörter Anwohner: Im Februar 2025 zählten Polizei und Sozialarbeiter im Bahnhofsviertel 195 Schwerstabhängige. Im März 2026 waren es 311. Ein Anstieg um fast sechzig Prozent in dreizehn Monaten.
Elend als Merchandise
Wie sehr das Wort „Zombieland” inzwischen zur Marke geworden ist, zeigt ein Fundstück, das man erst für Satire hält: Im Netz kann man ein T-Shirt kaufen, Aufdruck „FFM ZMB LND”, Produktname „FRANKFURT ZOMBIE LAND”. Der Werbetext dazu ist ein kleines Meisterwerk der Geschmacklosigkeit. Man solle den „Nervenkitzel und den einzigartigen Charme Frankfurts” erleben, heißt es da; das Shirt sei nicht nur ein „stylisches Mode-Statement”, sondern trage eine „wichtige Botschaft: Das Ausland warnt vor unserer Stadt”. Und wer es trägt, sei ein „Botschafter der Mainmetropole”.
Man kann lange darüber nachdenken, warum jemand so etwas druckt, und die Antwort ist vermutlich banaler, als man hofft: weil es sich verkauft. Katastrophen sind Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit ist die Währung, in der heute alles bezahlt wird – die Influencer, die mit der Kamera durch die Niddastraße laufen und Menschen im schlimmsten Moment ihres Lebens filmen, verdienen an denselben Bildern wie der T-Shirt-Händler an dem Wort, das aus diesen Bildern entstand. Vielleicht steckt bei manchem Frankfurter, der das Shirt trägt, auch Galgenhumor dahinter, ein trotziges Bekenntnis zum verrufenen Viertel. Aber die Menschen, um die es geht, wurden nicht gefragt, ob sie als Motiv taugen wollen. Sie liefern den Stoff, aus dem andere Klicks, Pointen und Baumwolldrucke machen, und bekommen von der Wertschöpfungskette, die auf ihrem Elend aufsetzt, exakt nichts ab. Das Wort „Zombie” erledigt dabei die eigentliche Arbeit: Es verwandelt Kranke in Kulisse.
Wer verstehen will, was da passiert, muss allerdings zuerst mit einem Missverständnis aufräumen. Denn die Droge, die Frankfurt gerade überrollt, ist nicht die „Zombie-Droge” aus den amerikanischen Videos. Sie ist etwas anderes. Und sie ist auf ihre Art schlimmer, weil gegen sie bislang kein Medikament existiert.
Dreißig Mal am Tag
Die Substanz, um die sich im Bahnhofsviertel inzwischen fast alles dreht, heißt Crack: Kokain, mit Natron aufgekocht, zu kleinen Steinchen getrocknet, in einer Glaspfeife geraucht. Der Name kommt vom Knistern beim Verbrennen, „to crackle”. Die Wirkung setzt innerhalb von Sekunden ein, ein Rausch wie ein Stromschlag – und nach etwa fünfzehn Minuten ist er vorbei. Dann beginnt die Jagd nach dem nächsten Stein. Schwerstabhängige rauchen bis zu dreißig Mal am Tag, viele sind länger als vierundzwanzig Stunden am Stück wach.
Das erklärt das Bild, das so viele Menschen verstört. Die Gestalten, die reglos in Hauseingängen stehen, sind Menschen am Ende einer tagelangen Wachphase, ausgezehrt von einer Droge, die den Körper verbrennt und das Hungergefühl löscht, oft zusätzlich gezeichnet von Psychosen, die der Dauerkonsum von Stimulanzien auslöst. Man muss das so nüchtern sagen, weil das Zombie-Wort etwas Gefährliches tut: Es macht aus Kranken Monster. Und über Monster muss man nicht mehr reden, vor Monstern muss man sich nur noch schützen.
Frankfurt kennt beide Blickrichtungen. Die Stadt hat die grausamste Drogenszene der deutschen Nachkriegsgeschichte erlebt – und sie hat sie besiegt. Das ist der Teil der Geschichte, den die Influencer-Videos nie erzählen.
Die Wiese, auf der tausend Menschen lagen
Anfang der Neunzigerjahre war die Taunusanlage, ein Grünstreifen im Herzen des Bankenviertels, Europas berüchtigtster Drogenumschlagplatz. Bis zu tausend Menschen hielten sich dort auf, die meisten heroinabhängig. Wolfgang Barth, der Leiter des Frankfurter Drogennotdienstes, hat es später so beschrieben: Man stand mitten im Elend, hier prügelten sich zwei, dort brach einer zusammen, überall Ausscheidungen und offene Wunden – und die Leute kamen auf die Helfer zu und fragten nach Hilfe. 1991 zählte Frankfurt 147 Drogentote. In einem einzigen Jahr, in einer einzigen Stadt.
Was dann geschah, ging als „Frankfurter Weg” in die europäische Drogenpolitik ein. Die Stadt kaufte Häuser in Bahnhofsnähe und richtete Krisenzentren ein, mittendrin, szenenah. Im Herbst 1992 räumte die Polizei die Taunusanlage – aber zeitgleich begann in der Elbestraße die Ausgabe von Methadon, und 1994 eröffnete der erste Konsumraum, in dem Abhängige unter Aufsicht und mit sauberem Besteck konsumieren durften, ohne Strafe zu fürchten. Repression und Hilfe, Vertreiben und Auffangen, beides gleichzeitig. Die Taunusanlage wurde wieder ein Park. Die Zahl der Drogentoten sank ab 1997 auf rund dreißig pro Jahr und blieb dort.
Dieses System funktioniert bis heute erstaunlich gut – für Heroin. Es hat nur ein Problem: Die Droge hat gewechselt. Seit 2012 ist Crack die meistverbreitete Substanz der Frankfurter Szene, und praktisch alle dort nehmen es inzwischen. Für Heroinabhängige gibt es Methadon, Buprenorphin, in der Schweiz sogar ärztlich verschriebenes Heroin. Für Crack gibt es: nichts. Kein zugelassenes Substitut, keine etablierte medikamentöse Behandlung. Der Werkzeugkasten, mit dem Frankfurt einst zum Vorbild wurde, passt nicht mehr zum Schloss.
Methadon: ein ärztlich verabreichter Ersatzstoff für Heroin.
Buprenorphin: ein Medikament zur Behandlung von Opioidabhängigkeit.
Die falsche Verdächtige
Woher kommt diese Crack-Welle? Die naheliegende Vermutung geht so: Die Taliban haben 2022 den Mohnanbau in Afghanistan verboten, das Heroin wird knapp, also weichen die Süchtigen auf andere Stoffe aus. Die Vermutung klingt logisch. Sie ist trotzdem falsch – jedenfalls für das, was gerade auf deutschen Straßen zu sehen ist.
Die Crack-Welle ist kein Mangelphänomen, sondern ein Überflussphänomen. Die weltweite Kokainproduktion hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht, die Häfen von Antwerpen und Rotterdam werden mit Rekordmengen geflutet, und Kokain ist auf dem Straßenmarkt so billig und so rein wie nie. Crack ist schlicht die Form, in der dieses Überangebot bei den Ärmsten ankommt: portioniert in Einzeldosen für wenige Euro, sofort wirksam, perfekt zugeschnitten auf Menschen, die keine fünfzig Euro am Stück besitzen, aber alle zwanzig Minuten eine Flucht aus ihrem Leben brauchen. Die Leiterin der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, Esther Neumeier, sagt es trocken: Wir sehen weltweit ein stark gestiegenes Angebot an Kokain, und das betrifft auch Deutschland.
Das Afghanistan-Verbot ist deshalb nicht erledigt, im Gegenteil. Es ist die zweite Welle, die noch nicht angekommen ist. Vor 2022 stammten achtzig Prozent des europäischen Heroins vom Hindukusch; nach dem Taliban-Verbot brach die weltweite Opiumproduktion um 74 Prozent ein, der Kilopreis für Rohopium stieg von rund 60 auf über 400 Dollar. Dass auf europäischen Straßen trotzdem noch Heroin liegt, verdanken die Konsumenten alten Lagerbeständen entlang der Balkanroute – Depots, die gerade geleert werden. Und was passiert, wenn sie leer sind, lässt sich in den USA besichtigen: Dann ersetzen die Händler das Naturprodukt durch Chemie. Fentanyl ist bis zu fünfzigmal stärker als Heroin, drei Salzkörner davon können einen Menschen töten. Nitazene, die neue Stoffgruppe, die das europäische Frühwarnsystem seit 2023 in Serie registriert, wirken bis zu fünfhundertmal stärker. Sechs von sieben synthetischen Opioiden, die 2023 erstmals in Europa gemeldet wurden, waren Nitazen-Abkömmlinge.
Nitazene: extrem starke synthetische Opioide, teilweise deutlich stärker als Fentanyl.
Es gibt einen Präzedenzfall, und der macht ein wenig Hoffnung, weil er zeigt, dass nichts davon Schicksal ist. Schon das erste Taliban-Opiumverbot Anfang der 2000er verknappte das Heroin – und die Länder Europas reagierten völlig unterschiedlich. In Estland übernahm Fentanyl den Markt, mit verheerenden Folgen. In Finnland stiegen die Abhängigen auf Buprenorphin um, ein Medikament, an dem man deutlich schwerer stirbt. Dieselbe Marktstörung, zwei Wege, zwei sehr unterschiedliche Totenlisten. Welche Richtung ein Land nimmt, entscheidet nicht der Markt allein. Es entscheidet auch die Politik, die vorher da war.
Der Kessel
Und was macht die Politik in Frankfurt? Wer im Bahnhofsviertel steht, gewinnt schnell den Eindruck: Sie hält den Deckel drauf. Die Polizei beschreibt ihre eigene Rolle ganz offen als Doppelauftrag – Prävention, also ansprechen und helfen, und Repression, also offenen Konsum unterbinden, etwa indem Beamte die Suchtkranken auffordern, in die Konsumräume zu gehen. Nur: Die Konsumräume haben nicht genug Plätze für alle, schon gar nicht die knappen Rauchplätze. Also bleibt die Szene, wo sie ist, eingehegt von Streifen, Razzien und einer Waffenverbotszone, sichtbar für jeden, der vom Hauptbahnhof zur Messe läuft, und ferngehalten von den Einkaufsstraßen dahinter. Was aussieht wie eine Strategie, ist bei Licht betrachtet ein Kessel, dessen einziger Zweck darin besteht, dass sein Inhalt nirgendwo anders hinschwappt.
Man kann diese Eindämmung zynisch finden, und viele Anwohner tun das mit gutem Grund. Man sollte aber wissen, wie die Alternative aussieht, die andere Städte gewählt haben. Paris hat sie durchgespielt. Dort hauste die Crack-Szene jahrelang auf einem Hügel am Stadtrand, bis zu 800 Menschen in Zelten zwischen Autobahnspuren. Dann wurde geräumt. Die Süchtigen wurden in Busse geladen und woanders abgesetzt; wo sie auftauchten, protestierten die Anwohner, also fuhren die Busse weiter, quer durch die Stadt, jahrelang, von der Porte de la Chapelle zum Jardin d’Éole zur Porte de la Villette. An einer Stelle baute die Stadt schließlich eine Mauer um die Szene. Auf der Mauer klebte bald ein Transparent der Anwohner: „Pflegt sie! – Schützt uns!” Zwei Forderungen, die dieselbe Ratlosigkeit ausdrücken.
Brüssel, die Hauptstadt Europas, ist das zweite Anschauungsstück. Rund um den Gare du Midi, wenige Kilometer von den EU-Institutionen entfernt, hat sich eine Crack-Szene festgesetzt, die das soziale Gefüge ganzer Viertel zersetzt: Familien ziehen weg, Ältere trauen sich abends nicht mehr auf die Straße, dazu ein eskalierender Bandenkrieg um den Kokainmarkt mit Schießereien im Wochentakt. Als der Druck zu groß wurde, marschierten 200 Polizisten am Bahnhof auf, vertrieben die Obdachlosen und nahmen sechzig Personen fest. Ein paar Wochen später sah es aus wie vorher.
Das größte Freiluftlabor der Verdrängung liegt allerdings auf der anderen Seite des Atlantiks. In São Paulo existierte über dreißig Jahre lang die „Cracolândia”, die berüchtigtste offene Crack-Szene der Welt, in der 400 bis 800 Süchtige dauerhaft lebten – ein Basar mitten in der Innenstadt, auf dem sich buchstäblich alles gegen einen Stein tauschen ließ, ein Duschkopf, ein Kopfhörer, ein Paar Turnschuhe. Die Stadt versuchte über Jahrzehnte alles, was auch Europa versucht: Großrazzien mit 500 Beamten, Abrisse, zuletzt sogar eine 40 Meter lange Mauer, um die Szene einzuschließen. Ende 2025 meldete São Paulo dann tatsächlich Vollzug: Das Zentrum ist geräumt, die Bagger reißen die verfallenen Häuser ab, nebenan eröffnen hippe Bars. Nur zählen Stadt und Forscher inzwischen Dutzende kleinere offene Konsumszenen, verteilt über 47 Stadtteile, bis hinein in die besseren Viertel. Die größte Crack-Szene der Welt ist nicht verschwunden – sie hat sich zerstäubt.
Verdrängung funktioniert nicht, das ist die vielleicht am besten belegte Erkenntnis der europäischen Drogenpolitik. Die Menschen lösen sich nicht auf, wenn man sie wegschiebt. Sie tauchen hundert Meter weiter wieder auf, kränker als zuvor, weil unterwegs der Kontakt zu Ärzten und Sozialarbeitern abreißt.
Die Stadt, die sauber aussieht
An dieser Stelle lohnt ein Blick auf eine Zahl, die in keinem Influencer-Video vorkommt und die man zweimal lesen muss. 2023 starben in Frankfurt, der Stadt mit Deutschlands größter offener Drogenszene, 32 Menschen an ihrer Sucht. In München, wo das Straßenbild ordentlich ist und keine Crackpfeifen aufblitzen, waren es 86.
München hat keine Konsumräume. Bayern hat sie als Bundesland nie zugelassen, ebenso wie die Hälfte der deutschen Länder. Konsumiert wird trotzdem – nur eben in Parks, auf Bahnhofstoiletten, in Wohnungen, dort, wo niemand einen Notruf absetzt, wenn jemand aufhört zu atmen. Das Elend ist nicht kleiner, es ist nur besser versteckt. Und im Versteck stirbt es sich leichter.
Diese Verwechslung von Sichtbarkeit und Schwere zieht sich durch die ganze Debatte. Bundesweit starben 2025 insgesamt 2.150 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums, mehr als je zuvor in diesem Jahrhundert. Berlin meldete 294 Tote, Rekord. Die Zahl der Drogentoten unter zwanzig Jahren hat sich seit 2021 auf 106 fast verdoppelt, an Kokain und Crack starben 769 Menschen, mehr als doppelt so viele wie vier Jahre zuvor. Das Problem wächst überall, in den vorzeigbaren Städten genauso wie in den verrufenen. Der Unterschied ist nur, wo man es sehen darf.
Wie man ein Land süchtig macht
Wer wissen will, wohin so eine Entwicklung im schlimmsten Fall führt, muss nach Kensington schauen, einen Stadtteil von Philadelphia. Dort, an der Kensington Avenue, laufen die Bilder, die tatsächlich hinter dem Wort „Zombie-Droge” stehen: Menschen mit offenen Wunden an Armen und Beinen, manche mit Amputationen, viele in jener vornübergebeugten Starre, halb schlafend im Stehen. Die Ursache heißt Xylazin, in der Szene „Tranq” – ein Beruhigungsmittel für Pferde und Rinder, das Dealer dem Fentanyl beimischen, weil es dessen kurzen Rausch verlängert. In Philadelphia steckt es in etwa 90 Prozent der getesteten Straßendrogen. Xylazin ist kein Opioid, das Gegenmittel Naloxon wirkt dagegen nicht, und bei vielen Konsumenten frisst es buchstäblich Löcher in die Haut, Nekrosen bis auf den Knochen.
Naloxon: ein Notfallmedikament, das eine Opioid-Überdosis vorübergehend aufheben kann.
Xylazin: ein tiermedizinisches Beruhigungsmittel, das illegal Straßendrogen beigemischt wird.
Aber Kensington ist nicht vom Himmel gefallen. Die amerikanische Katastrophe hat eine Entstehungsgeschichte, und sie beginnt nicht in einer Gasse, sondern in einer Vorstandsetage.
1996 brachte der Pharmakonzern Purdue Pharma das Schmerzmittel OxyContin auf den Markt und vermarktete es mit einer Behauptung, die sich als eine der tödlichsten Marketinglügen der Wirtschaftsgeschichte erweisen sollte: Das Opioid sei kaum suchterzeugend. Vertreter schwärmten aus, Ärzte verschrieben, Millionen Amerikaner wurden über ganz legale Rezepte abhängig – Bauarbeiter mit Rückenschmerzen, Hausfrauen nach der Zahn-OP, Football-Spieler nach der Knieverletzung. Als die Behörden die Verschreibungen Jahre später drosselten, saßen diese Menschen mit einer Opioidabhängigkeit und ohne Rezept da. Der Markt hatte eine Antwort: Straßenheroin, billiger als die Pillen. Das war die zweite Welle. Die dritte kam, als die Kartelle rechneten. Heroin braucht Felder, Ernten, Schmuggelrouten über Kontinente; Fentanyl braucht ein Labor und Vorläuferchemikalien aus China. Ein Kilo ersetzt fünfzig Kilo Heroin. Aus Sicht eines Kartells ist synthetisches Opioid schlicht das bessere Geschäftsmodell – und so verschwand das Heroin vom amerikanischen Markt, nicht weil es niemand mehr wollte, sondern weil es sich für niemanden mehr lohnte. Die Konsumenten wurden nicht gefragt. Viele erfuhren erst auf der Intensivstation, was sie tatsächlich gespritzt hatten.
Die Bilanz dieser Kette: Rund 900.000 Tote seit 1999. Im November 2025 hat ein Insolvenzrichter den Vergleich gebilligt, mit dem die Eigentümerfamilie Sackler bis zu sieben Milliarden Dollar zahlen muss und Purdue endgültig verliert; die Familie darf in den USA nie wieder Opioide verkaufen. Angeklagt wurde persönlich nie jemand aus der Familie.
Und doch endet die amerikanische Geschichte gerade nicht im Dunkeln, und das ist für Europa vielleicht die wichtigste Nachricht von allen. 2024 sank die Zahl der Überdosis-Toten um 27 Prozent, der steilste Rückgang, der je gemessen wurde. 2025 ging es weiter runter, auf rund 70.000 – immer noch eine ungeheure Zahl, aber erstmals wieder auf dem Niveau von vor der Pandemie, und der Rückgang zieht sich durch fast alle Bundesstaaten. Die Gründe sind unspektakulär und gerade deshalb lehrreich: Naloxon, das Notfall-Gegenmittel, liegt inzwischen in Schulen, Bibliotheken und Handschuhfächern; Testpersonal und Streetworker erreichen die Szene; und eine Generation junger Amerikaner steigt gar nicht erst ein, weil sie mit dem Sterben der vorigen aufgewachsen ist. Menschenleben in dieser Größenordnung wurden nicht durch härtere Strafen gerettet, sondern durch ein Nasenspray und die Leute, die es verteilen.
Der Präsident, die Boote und der Rauch
Man sollte annehmen, dass ein Präsident, der den Wahlkampf mit dem Versprechen bestritt, die Opioidkrise zu beenden, diesen historischen Erfolg feiert und ausbaut. Donald Trump redet tatsächlich fast täglich über Fentanyl – nur nie über die Menschen, die daran hängen. In seinem Vokabular ist Fentanyl kein Gesundheitsthema, sondern eine Invasionswaffe: Es begründet Strafzölle gegen China, Mexiko und Kanada, es begründet die Einstufung von Kartellen als Terrororganisationen, und seit September begründet es etwas, das es in der Geschichte der Drogenbekämpfung so noch nicht gab. Das US-Militär sprengt auf offener See Boote, die angeblich Drogen transportieren. Über 200 Menschen sind bei diesen Angriffen bisher gestorben, ohne Anklage und ohne Prozess – und ohne dass das Pentagon auch nur für eines der Boote Beweise für eine Drogenladung vorgelegt hätte. Fachleute weisen darauf hin, dass die getroffenen Schnellboote in der Karibik typischerweise Kokain transportieren, das nach Europa unterwegs ist – während das Fentanyl, an dem Amerikaner sterben, auf dem Landweg aus Mexiko kommt, versteckt in Lastwagen an offiziellen Grenzübergängen. Amnesty International spricht von außergerichtlichen Tötungen, die zur Normalität würden. Die Drogenpreise auf amerikanischen Straßen haben sich derweil kaum bewegt.
Zur gleichen Zeit, in der das Militär Boote sprengt, kürzt dieselbe Regierung dem eigenen Land die Werkzeuge weg, die den Rückgang der Todeszahlen nachweislich getragen haben. Der Haushaltsentwurf strich das 56-Millionen-Dollar-Programm, das Naloxon an Ersthelfer verteilt und sie im Umgang damit schult – allein 2023 hatte es über 100.000 Notfall-Kits ausgegeben. Die Suchtbehörde SAMHSA verlor mehr als die Hälfte ihres Personals, 1,7 Milliarden Dollar an Zuschüssen für die Gesundheitsämter der Bundesstaaten wurden gestrichen, dazu rund 350 Millionen aus der Überdosis-Prävention. Die Medicaid-Kürzungen könnten nach einer im Juli 2025 veröffentlichten Modellrechnung bis zu 156.000 Opioidabhängigen den Zugang zu Methadon und Buprenorphin nehmen – die Forscher rechnen mit rund tausend zusätzlichen Überdosis-Toten pro Jahr, nur aus dem Verlust der Versicherung.
Als die Regierung im Januar 2026 versuchte, weitere knapp zwei Milliarden an SAMHSA-Mitteln zu streichen, ruderte sie nach einem Tag öffentlichen Aufschreis zurück; die Programme leben seither in permanenter Ungewissheit. Selbst Trumps eigener Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., der offen über seine frühere Heroinsucht spricht, verteidigt öffentlich das Naloxon, das der Haushalt seines Chefs streicht. Man muss sich diese Arbeitsteilung auf der Zunge zergehen lassen: Für tote Schmuggler ist Geld da, für lebende Süchtige nicht.
Und wofür findet dieser Präsident Zeit, wenn nicht für die Millionen opioidabhängigen Amerikaner? Ein Blick auf die vergangene Woche genügt. Am 17. Juli, während Kanada gegen mehr als 900 Waldbrände kämpfte und der Rauch die Luft über Chicago, Detroit und Washington auf gesundheitsgefährliche Werte drückte, meldete sich Trump auf Truth Social zu Wort. Nicht mit Beileid, nicht mit einem Hilfsangebot – die USA und Kanada unterstützen sich seit Jahrzehnten gegenseitig bei Waldbränden, kanadische Teams halfen erst im Vorjahr in Kalifornien –, sondern mit einer Rechnung. Kanada betreibe „Willful Negligence”, vorsätzliche Fahrlässigkeit, die USA würden von „schmutziger, verpesteter und ungesunder Luft” geradezu invadiert, und die Milliardenkosten dieser Verschmutzung müssten „selbstverständlich auf die Zölle aufgeschlagen werden”, die Kanada bereits zahle. Ontarios Premier Doug Ford erinnerte fassungslos daran, dass kanadische Löschteams im Jahr zuvor in Kalifornien im Einsatz waren, während jetzt keine amerikanische Hilfe komme. Fast zeitgleich kam raus: Genau die Bundeslabore, die erforschen, wie gefährlich Waldbrandrauch für unsere Gesundheit ist, hatte dieselbe Regierung Monate vorher dichtgemacht. Darunter das Labor in Seattle, dessen Rauchkarte Millionen Amerikaner nutzen, um zu wissen, wann die Luft gefährlich wird.
Da ist er also, der Maßstab: Der Nachbar brennt, und der mächtigste Mann der Welt schreibt ihm eine Rechnung für den Rauch. Die eigenen Bürger sterben an einer Droge, und er lässt Boote sprengen, auf denen sie nachweislich nicht transportiert wird, während er dem Gegenmittel das Budget streicht. Es ist dieselbe Denkfigur, immer wieder: Jedes Problem ist eine Invasion von außen, jede Antwort ein Zoll oder eine Rakete, und die Menschen, um die es eigentlich geht – die Süchtigen in Kensington, die Evakuierten in Manitoba –, kommen in der Gleichung schlicht nicht vor. Fachleute warnen inzwischen offen, dass mit den Kürzungen der erste dauerhafte Erfolg gegen die Überdosis-Epidemie seit Jahrzehnten verspielt werden könnte. Es wäre eine bittere Pointe der Geschichte: Amerika hätte dann den Weg aus seiner Drogenkatastrophe gefunden – und ihn aus Prinzip wieder zugeschüttet.
Das Land ohne offene Szene
Bleibt die Frage, ob es nicht auch ganz anders geht – härter, kompromissloser, nach japanischem Vorbild.
Japan gilt als das Land, in dem das Drogenproblem gelöst scheint: keine offenen Szenen, keine Zombieland-Videos, nur 0,2 Prozent der Erwachsenen konsumieren Amphetamine, ein Zehntel des US-Werts. Crack, die Droge der Frankfurter Niddastraße, spielt dort praktisch keine Rolle – der japanische Kokainmarkt ist winzig, das Rauschmittel des Landes war historisch immer Methamphetamin. Wer genauer hinsieht, findet allerdings eine kompliziertere Geschichte. Japan hatte eine der ersten Drogenepidemien der Moderne überhaupt: Methamphetamin, unter dem Markennamen Philopon, wurde im Zweiten Weltkrieg an Soldaten und Rüstungsarbeiter ausgegeben, und nach dem Krieg kippten die Bestände in eine ausgezehrte Gesellschaft. Die Meth-Welle der Fünfzigerjahre traumatisierte das Land so nachhaltig, dass es sich kollektiv auf Entzug setzte – mit drakonischen Strafen und einer sozialen Ächtung, die bis heute Karrieren, Ehen und Familien beendet, sobald ein Drogentest positiv ausfällt. Seit Ende 2024 steht selbst auf den bloßen Konsum von Cannabis bis zu sieben Jahre Haft.
Das Ergebnis ist eindrucksvoll und trügerisch zugleich. Die japanische Polizei selbst schätzt die Zahl der Konsumenten auf ein bis zwei Millionen – Lastwagenfahrer auf Nachtstrecken, Büroangestellte in Doppelschichten, Studentinnen im Prüfungsstress, Schülerinnen, die mit Shabu das Hungergefühl unterdrücken. Der Stoff kommt über die Yakuza ins Land, konsumiert wird hinter Wohnungstüren. Japan hat keine offene Drogenszene, aber es hat Sucht, unsichtbar und unbehandelt, denn wer sich Hilfe holt, gesteht ein Verbrechen. Repression kann Elend offenbar aus dem Stadtbild entfernen, aber nicht aus den Menschen.
Interessanterweise kommt ausgerechnet aus Japan auch die Studie, die eine der ältesten Gewissheiten der Drogenpolitik ins Wanken bringt: die Einstiegsdrogen-These. Japanische Forscher fanden heraus, dass mehr als die Hälfte der Cannabis-Konsumenten nie eine weitere Droge anrührt und nur ein verschwindend kleiner Teil später zu Methamphetamin greift. Was Menschen in harte Drogen treibt, ist demnach nicht die Substanz am Anfang der Kette, sondern das, was Forscher „common liability” nennen: eine gemeinsame Verwundbarkeit aus Kindheitstraumata, psychischen Erkrankungen, Armut, Einsamkeit. Wenn man ehrlich nach Einstiegsdrogen sucht, landet man ohnehin woanders – fast jede Suchtkarriere beginnt mit den beiden Substanzen, die an jeder Supermarktkasse liegen. Die Menschen in der Niddastraße sind fast nie an einem Joint gescheitert. Sie sind an ihrem Leben gescheitert, lange bevor die erste Pfeife kam. Crack ist bei den Ärmsten nicht deshalb so erfolgreich, weil es die beste Droge wäre, sondern weil es die billigste Betäubung für Hunger, Kälte und Scham ist, die der Markt im Angebot hat.
Was wirklich hilft – und was nur gut klingt
Wenn all das stimmt, was folgt daraus? Die Antwort, die einem beim Anblick des Bahnhofsviertels als Erstes durch den Kopf schießt, kenne ich gut, weil sie so menschlich ist: Warum holt die niemand da raus? Einsammeln, entziehen, auf Staatskosten gesund pflegen, notfalls gegen ihren Willen.
Die Daten dazu sind leider eindeutig, und sie sind ernüchternd. Im deutschen Maßregelvollzug, wo Gerichte suchtkranke Straftäter zur Therapie verpflichten können, wird seit Jahren etwa die Hälfte der Behandlungen mangels Erfolgsaussicht abgebrochen; die Betroffenen wandern zurück in die Haft. Studien zu Zwangs- und Quasi-Zwangsbehandlungen kommen bestenfalls auf die Hälfte der Patienten, die profitieren. Und der erzwungene Entzug hat eine tückische Nebenwirkung: Er senkt die Toleranz. Wer nach Wochen der Abstinenz rückfällig wird – und das werden die meisten –, stirbt mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit an der ersten Dosis, weil der Körper die gewohnte Menge nicht mehr verträgt. Über alle Fälle gerechnet produziert der Zwangsentzug damit weniger Geheilte, als seine Befürworter hoffen – und mehr Tote mit sauberem Blutbild, als sie ahnen.
Das ist übrigens ein Beispiel dafür, warum ich vielen Dingen auf den Grund gehe. Auch ich nahm zunächst an, dass man da doch etwas tun müsse – zur Not mit Gewalt. Leben zu retten ist schließlich oberste Priorität. Aber beim Recherchieren lerne ich dazu, und beim anschließenden Schreiben verfestigt sich dieses Wissen. Und genau deshalb teile ich es: damit ihr aus meinen Recherchen vielleicht etwas mitnehmen könnt, das euren Blick auf ein Thema verändert.
Doch was stattdessen funktioniert, lässt sich rund dreihundert Kilometer südlich von Frankfurt besichtigen, hinter der Schweizer Grenze. Zürich hatte in den Achtzigern am stillgelegten Bahnhof Letten eine Szene, gegen die die Taunusanlage harmlos wirkte – „Sterben pur”, wie Wolfgang Barth sagt, der damals mit einer Frankfurter Delegation anreiste. Heute hat Zürich keine offene Drogenszene mehr. Der Zürcher Weg ähnelt dem Frankfurter, geht aber zwei entscheidende Schritte weiter. Erstens wird in den Anlaufstellen der Kleinsthandel unter den bekannten Suchtkranken geduldet; illegal bleibt er, bestraft wird er nicht. Das klingt nach Kapitulation und ist das Gegenteil, denn eine simple Wahrheit gilt überall: Wo der Handel nicht drinnen stattfinden darf, bleibt die Szene draußen. Zweitens gelten die Zürcher Angebote nur für Zürcher; wer von auswärts kommt, wird an seine Heimatgemeinde verwiesen – die dort ebenfalls Konsumräume vorhält. In Frankfurt dagegen stammen sechzig Prozent der Szene von außerhalb, aus einem Umland, das sich die eigene Verantwortung spart: keine Konsumräume in Wiesbaden, keine in Heidelberg, keine in Aschaffenburg, keine in ganz Bayern. Frankfurt trägt das Elend einer ganzen Region und bekommt dafür die Schlagzeilen.
Dass sich der Aufwand rechnet, haben die Schweizer nachgezählt: Ihre Maßnahmen verhinderten zwischen 1980 und 2015 mehr als 15.000 HIV-Infektionen und über 5.000 Todesfälle; allein an eingesparten HIV-Therapien gewinnt das Land Jahr für Jahr rund 350 Millionen Franken. Und als 2023 ein einziger Zürcher Konsumraum schloss, bildete sich binnen Wochen wieder eine kleine offene Szene – die verschwand, sobald die Stadt drei Monate später eine Containeranlage als Ersatz eröffnete. Ein unfreiwilliges Experiment mit eindeutigem Ergebnis.
Frankfurt versucht jetzt, nachzuziehen. Ende 2026 soll in der Niddastraße 76 ein großes Crack-Zentrum öffnen: Rauchräume im Erdgeschoss statt im dritten Stock ohne Aufzug, Wundversorgung, Psychiatrie, Methadonambulanz, ein geschützter Frauenbereich, Duschen, ein Café, Anbindung ans Jobcenter – und nach Zürcher Vorbild nur für Frankfurter. Das Land Hessen finanziert parallel eine Studie zur medikamentösen Crack-Substitution, geprüft werden Wirkstoffe wie Lisdexamphetamin und Modafinil. Es ist der erste ernsthafte Versuch, den Werkzeugkasten des Frankfurter Wegs für die neue Droge umzubauen. Ob er reicht, hängt an Details, die unspektakulär klingen: an Öffnungszeiten und Personalstellen – und daran, ob das Umland endlich mitmacht. Zürich beschäftigt, bei halb so vielen Einwohnern, doppelt so viele Sozialarbeiter wie Frankfurt.
Und Berlin? Dort ist die Lage seltsam verdreht. Der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, der CDU-Politiker und Virologe Hendrik Streeck, warnt seit Monaten vor einer „anbahnenden Opioid-Krise” und einem Boom bei Kokain, Crack und synthetischen Drogen. Er sagt Sätze, die man von einem Unionspolitiker in diesem Amt lange nicht gehört hat: Sucht sei eine Erkrankung, es brauche Hilfen und Unterstützung, nicht nur Repression, und die Situation in den Großstädten lasse sich mit polizeilichen Mitteln allein nicht lösen. Als die Oberbürgermeister von Köln und Dortmund vorschlugen, die Weitergabe kleinster Mengen in Konsumräumen zu legalisieren – exakt das Zürcher Modell –, stellte sich Streeck hinter die Idee und nannte die Schweiz ausdrücklich als Vorbild, verbunden mit der Bedingung, die Straßensozialarbeit massiv auszubauen. Selbst Ex-Gesundheitsminister Lauterbach zieht mit. Nur die Bundesregierung, deren Beauftragter Streeck ist, will von einer Änderung des Betäubungsmittelrechts bislang nichts wissen. Deutschland leistet sich damit ein bemerkenswertes Schauspiel: Die Kommunen flehen um Werkzeuge, der oberste Drogenbeauftragte empfiehlt sie, die Wissenschaft hat sie längst vermessen – und das Gesetz, das sie verbietet, bleibt unangetastet, während die Zahl der Toten Jahr für Jahr einen neuen Höchststand erreicht.
Und die große Freiheit, die Entkriminalisierung? Portugal hat 2001 den Besitz kleiner Mengen aller Drogen entkriminalisiert und die Ersparnisse der Strafverfolgung in ein engmaschiges Hilfesystem gesteckt; die HIV-Infektionen und Drogentoten stürzten ab, das Land wurde zur Pilgerstätte der Reformer. Der US-Bundesstaat Oregon kopierte 2021 die Entkriminalisierung – aber ohne Portugals verpflichtende Beratungskommissionen, ohne dessen Gesundheitssystem, mitten in die Fentanyl-Flut hinein. Drei Jahre später drehte Oregon alles zurück. Die Lehre daraus ist unbequem für beide Lager: Weder Strafe noch Straffreiheit sind das Entscheidende. Entscheidend ist, was ein Land an Hilfe daneben stellt.
Der Kunde, der nie entsteht
Alles bisher Beschriebene ist, genau betrachtet, Reparatur. Die interessanteste Frage stellt ein kleines Land im Nordatlantik: Was wäre, wenn die Kunden von morgen gar nicht erst entstehen?
Island hatte Ende der Neunziger ein massives Jugendproblem. 42 Prozent der 15- und 16-Jährigen waren mindestens einmal im Monat betrunken, ein Viertel rauchte, die Aufklärungskampagnen mit ihren Schockbildern und Warnvorträgen verpufften – so wie sie übrigens überall auf der Welt verpuffen, das ist einer der bestbelegten Fehlschläge der Präventionsforschung. Also versuchten die Isländer etwas anderes. Sie fragten nicht: Wie warnen wir die Jugendlichen vor Drogen? Sie fragten: Was bekommen Jugendliche eigentlich vom Rausch – und können wir ihnen dasselbe woanders besorgen?
Die Antwort wurde „Jugend in Island”, ein landesweites Programm, das weniger nach Drogenpolitik aussieht als nach Kommunalpolitik. Sportvereine, Musikschulen, Kunst- und Tanzangebote wurden massiv ausgebaut und subventioniert, damit jedes Kind sich eines leisten kann. Eltern, Schulen und Vereine schlossen sich zu lokalen Bündnissen zusammen, vereinbarten gemeinsame Regeln, Ausgangszeiten für Minderjährige, mehr gemeinsame Familienzeit. Jährliche Befragungen aller Schüler lieferten den Gemeinden die Daten, wo es hakt. Der Gedanke dahinter ist fast banal: Ein Fünfzehnjähriger, der dreimal die Woche trainiert, ein Instrument lernt und Eltern hat, die wissen, wo er steckt, hat schlicht wenig Platz im Leben für eine Flasche Wodka – und er braucht sie auch nicht, weil er seinen Rausch schon hat, auf dem Platz, auf der Bühne.
Zwanzig Jahre später sind die Zahlen fast unglaubwürdig gut: Der Anteil der monatlich betrunkenen Jugendlichen fiel von 42 auf 5 Prozent, die täglichen Raucher von fast einem Viertel auf 3 Prozent, der Cannabis-Konsum halbierte sich mehr als. Nirgendwo in Europa wachsen Jugendliche so suchtmittelfrei auf. Das Modell wird inzwischen in 21 Ländern erprobt, und selbst im Bukarester Umfeld, mit ganz anderen sozialen Problemen, sanken nach der Einführung nicht nur Alkohol- und Nikotinkonsum, sondern auch die Suizidrate unter Jugendlichen.
Für Eltern steckt darin eine Botschaft, die tröstlicher ist als jeder Warnvortrag. Der wirksamste Schutz vor Drogen ist nicht das perfekte Aufklärungsgespräch und nicht die Kontrolle des Handys. Es ist das langweilige Zeug: wissen, wo das Kind ist und mit wem. Gemeinsam essen. Den Sportverein bezahlen und zum Spiel hinfahren. Den ersten Alkohol so lange hinauszögern wie möglich, weil das Gehirn mit vierzehn verwundbarer ist als mit siebzehn. Ehrlich über Wirkungen reden statt Horrorgeschichten zu erzählen, die beim ersten Widerspruch der Realität die ganze elterliche Glaubwürdigkeit kosten. Und dem Kind Sätze mitgeben, mit denen es in der Clique ein Angebot ablehnen kann, ohne das Gesicht zu verlieren. Denn süchtig wird kaum ein Kind, weil es einmal Ja gesagt hat – süchtig wird es, wenn dieses Ja über lange Zeit das einzig Aufregende bleibt, das sein Alltag im Angebot hat.
Auch der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung sagt inzwischen, dass Suchterkrankungen meist im Jugendalter entstehen und dass genau dieser Lebensphase das Augenmerk gelten muss, wenn man langfristig etwas erreichen will. Was heißt das praktisch, wenn der Verdacht doch einmal im Raum steht? Die Warnzeichen sind selten die aus dem Fernsehen. Es sind die leisen Verschiebungen: ein Kind, das den alten Freundeskreis komplett austauscht und über den neuen nichts erzählt; Hobbys, die von einem Monat auf den anderen sterben; Geld, das verschwindet; Schlafrhythmus und Schulleistungen, die gleichzeitig kippen; eine Gereiztheit, die nicht mehr wie Pubertät aussieht, sondern wie Getriebensein. Nichts davon beweist irgendetwas, jedes einzelne kann harmlos sein. Aber wer mehrere dieser Zeichen sieht, sollte reden – und zwar wie mit einem Menschen, den man behalten will, nicht wie mit einem Angeklagten. Das Verhör mit Hausdurchsuchung treibt ein Kind tiefer in die Heimlichkeit, und Heimlichkeit ist der Nährboden, auf dem aus Probieren Gewohnheit wird. Jugend- und Suchtberatungsstellen beraten übrigens auch Eltern, kostenlos und anonym, lange bevor irgendetwas „schlimm genug” ist. Die meisten Eltern kommen zu spät, weil sie dachten, für einen Anruf müsse man sich erst einen Beweis besorgen.
Was bleibt
Die Männer an der Sparkassen-Fassade in der Niddastraße werden auch morgen dort stehen, und übermorgen. Daran wird keine Razzia der Welt etwas ändern, so wenig wie die Mauer in Paris oder die 200 Polizisten am Gare du Midi etwas geändert haben. Was es ändern kann, ist bekannt und liegt dokumentiert vor: in Zürich, wo die offene Szene verschwand, als man aufhörte, sie zu verjagen, und anfing, sie unter ein Dach zu holen; in den amerikanischen Überdosis-Statistiken, die fallen, seit ein Gegenmittel in jedem Handschuhfach liegt; und in Reykjavík, wo eine Generation herangewachsen ist, die ihren Rausch im Sportverein gefunden hat statt in der Flasche.
Teuer ist das alles. Das Frankfurter Crack-Zentrum kostet zwölf Millionen Euro, das Zürcher Sozialarbeiter-Netz ein Vielfaches, das isländische Modell eine dauerhafte kommunale Kraftanstrengung. Aber die Rechnung hat zwei Seiten, und die andere steht in den Schweizer Büchern: 350 Millionen Franken, jedes Jahr, allein an vermiedenen HIV-Therapien. Bezahlt wird Sucht so oder so – die einzige Wahl, die eine Gesellschaft wirklich hat, ist, ob das Geld vorher in Musikschulen und Konsumräume fließt oder nachher in Notaufnahmen und Gefängnisse. Ende 2026, wenn in der Niddastraße 76 das neue Zentrum öffnet, wird sich zeigen, wie Deutschland sich entschieden hat.
Quellen
Frankfurt / Bahnhofsviertel
Hessenschau: „Baustellen bringen Bahnhofsviertel an den Kipppunkt” (Juni 2026) – https://www.hessenschau.de/gesellschaft/drogenszene-in-frankfurt-baustellen-bringen-bahnhofsviertel-an-den-kipppunkt-v3,baustellen-bahnhofsviertel-drogenszene-100.html
t-online/dpa: „Das ist Frankfurts neuer Plan gegen die Crack-Misere” (September 2025) – https://frankfurt.t-online.de/region/frankfurt-am-main/id_100899990/frankfurt-neue-strategie-gegen-crack-im-bahnhofsviertel-vorgestellt.html
t-online: „Neue Polizeiwache und Drugchecking geplant – Ergebnisse des Bahnhofsgipfels” (Juni 2026) – https://frankfurt.t-online.de/region/frankfurt-am-main/id_101315472/bahnhofsviertel-frankfurt-neue-polizeiwache-und-drugchecking-geplant.html
Spektrum der Wissenschaft: „Offene Drogenszenen: Wie Städte mit der Crackkrise kämpfen” (Juni 2025; Frankfurter Weg, Zürcher Weg, HIV-Studien Schweiz) – https://www.spektrum.de/news/drogenpolitik-wie-gehen-staedte-mit-der-crackkrise-um/2269149
Deutschland: Zahlen und Politik
AOK Presse / Sucht- und Drogenbeauftragter: „Erneut mehr Drogentote” (2.150 Tote 2025, Altersverteilung) – https://www.aok.de/pp/gg/update/drogenkonsum-2025/
dpa/GMX: „Enorme Probleme wegen Crack” (November 2025; Städtevergleich, DBDD-Einordnung) – https://www.gmx.net/magazine/politik/droge-riesigem-problem-suechtige-41585378
Pharmazeutische Zeitung: „Drogenpolitik auf dem Prüfstand” (Juni 2026; Streecks Warnung vor „anbahnender Opioid-Krise”, BKA-Zeitreihe) – https://www.pharmazeutische-zeitung.de/drogenpolitik-auf-dem-pruefstand-166364/
dts: „Streeck und Lauterbach für legale Drogenabgabe” (Juni 2026; Zürich-Modell, OB-Vorstoß Köln/Dortmund) – https://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2026-06/68837676-streeck-und-lauterbach-fuer-legale-drogenabgabe-003.htm
Bundesdrogenbeauftragter: Streeck bei der UN-Drogenkonferenz (Positionen zu Prävention und Behandlung) – https://www.bundesdrogenbeauftragter.de/presse/detail/streeck-setzt-sich-bei-un-drogenkonferenz-fuer-evidenzbasierte-und-ausgewogene-drogenpolitik-ein/
Afghanistan, Heroin, Nitazene
ZDF/UNODC: „UN warnen vor Nitazen” (Opiumproduktion −74 %) – https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/nitazen-drogenkonsum-weltdrogentag-heroin-100.html
NZZ: „Der Mohnanbau in Afghanistan ist auf einem Tiefstand, trotzdem bleibt Heroin in Europa verfügbar” (2024) – https://www.nzz.ch/international/afghanistan-der-heroin-handel-geht-trotz-dem-stopp-des-mohnanbaus-weiter-ld.1847720
Telepolis: „Opium-Mangel: Wie die Taliban den Drogenmarkt in Europa verändern” (Januar 2026; Preisanstieg, Fentanyl/Nitazen-Potenzen) – https://www.telepolis.de/article/Opioid-Krise-Wie-die-Taliban-den-Drogenmarkt-in-Europa-veraendern-11137619.html
Suchtmedizin 27(5)/2025: „Nitazene: Neue synthetische Opioide als wachsende Bedrohung” (Estland/Finnland/Norwegen-Vergleich) – https://www.ecomed-suchtmedizin.de/pdf/sfp-2025-band-27-nr-5_nitazene_1764318819000.pdf
Ärztekammer Berlin: „Synthetische Opioide auf dem Vormarsch” (6 von 7 Neumeldungen 2023 Nitazene) – https://magazin.aekb.de/aktuelles/synthetische-opioide-auf-dem-vormarsch
EUDA: Europäischer Drogenbericht 2025 – https://euda.europa.eu/publications/european-drug-report/2025_de – Kapitel Kokain: https://www.euda.europa.eu/publications/european-drug-report/2025/cocaine_de – Kapitel Heroin/Opioide (2024): https://www.euda.europa.eu/publications/european-drug-report/2024/heroin-and-other-opioids_de
Europa: Brüssel, Paris
NZZ: „Crack-Epidemie überschwemmt Brüssel” (2023) – https://www.nzz.ch/international/crack-epidemie-ueberschwemmt-bruessel-ld.1753620
Tagesspiegel: „Brüssel steht im Zentrum eines Drogenkrieges” (August 2025) – https://www.tagesspiegel.de/internationales/eskalierende-gewalt-brussel-steht-im-zentrum-eines-drogenkrieges-14156720.html
NZZ: „Eine Mauer gegen Junkies in Paris” (2021; Crack-Hügel, Verschiebung der Szene) – https://www.nzz.ch/international/eine-mauer-gegen-junkies-in-paris-ld.1650082
USA: Xylazin, Purdue, Überdosis-Wende
Medscape: „Xylazin: Das Wichtigste zur ‚Zombie-Droge’” (Wirkmechanismus, Verbreitung) – https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4912680
France24 Observers: „Zombie drug tranq invades Kensington” (90-%-Befunde) – https://observers.france24.com/en/americas/20230804-zombie-drug-tranq-xylazine-kensington-philadelphia
CBS Philadelphia: „Animal tranquillizer xylazine sweeping Kensington streets” – https://www.cbsnews.com/amp/philadelphia/news/xylazine-kensington-opioid-epidemic-savage-sisters/
CDC/NCHS: „U.S. Overdose Deaths Decrease for Third Consecutive Year” (Mai 2026; 69.973 Tote 2025) – https://www.cdc.gov/nchs/pressroom/releases/20260513.html
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CBS News: „Overdose deaths fall for 3rd straight year” (Mai 2026) – https://www.cbsnews.com/news/overdose-deaths-decline-2025-rate-cdc-data/
STAT News: „Judge approves opioid settlement for Purdue Pharma and Sackler family” (November 2025) – https://www.statnews.com/2025/11/18/judge-approves-opioid-settlement-purdue-pharma-sackler-family/
PBS NewsHour: „Judge formally approves opioid settlement” (Details Auszahlung, 900.000 Tote seit 1999) – https://www.pbs.org/newshour/nation/judge-formally-approves-opioid-settlement-for-purdue-pharma-and-sackler-family-members-who-own-the-company
NPR: „Purdue Pharma and Sackler family members to pay $7.4B” (Januar 2025) – https://www.npr.org/2025/01/24/nx-s1-5272769/purdue-pharma-and-sackler-family-members-to-pay-7-4b-in-national-opioid-settlement
Trump: Kürzungen, Bootsangriffe, Kanada
Health Affairs: „Proposed Budget Cuts To Narcan Programs” – https://www.healthaffairs.org/content/forefront/proposed-budget-cuts-narcan-programs-dangerously-misunderstand-public-health-aims
Washington Post: „Trump officials mull funding cuts for overdose antidote naloxone” (Mai 2025) – https://www.washingtonpost.com/health/2025/05/02/trump-naloxone-overdose-funding-cuts/
NPR: „Addiction funding withheld by Trump administration” (Juli 2025; Medicaid-Modellrechnung 156.000 Betroffene) – https://www.npr.org/2025/07/16/nx-s1-5468535/fentanyl-trump-addiction-funding
Stateline: „Progress on overdose deaths could be jeopardized by federal cuts” (November 2025; SAMHSA-Personalhalbierung, 1,7 Mrd. Block Grants) – https://stateline.org/2025/11/18/progress-on-overdose-deaths-could-be-jeopardized-by-federal-cuts-critics-say/
Drug Policy Alliance: „Federal Cuts Threaten Overdose Prevention” (April 2026; zurückgenommene 2-Mrd.-Streichung Januar 2026) – https://drugpolicy.org/resource/federal-cuts-threaten-overdose-prevention/
NPR: „What to know about U.S. military strikes on alleged drug boats” (Juni 2026; über 200 Tote, Kokain Richtung Europa, Fentanyl über Land) – https://www.npr.org/2026/06/02/g-s1-125314/us-military-strikes-on-alleged-drug-boats
Cronkite News: „Drug cartels adapt as US boat strikes fail to curb cocaine, fentanyl supply” (Juni 2026; 215 Tote, stabile Preise) – https://cronkitenews.azpbs.org/2026/06/30/drug-cartels-adapt-as-us-boat-strikes-fail-to-curb-cocaine-fentanyl-supply/
CBS News: „Trump threatens Canada with higher tariffs over wildfire smoke” (17.07.2026; Originalzitate) – https://www.cbsnews.com/news/trump-tariffs-canada-wildfire-smoke/
NPR: „Poor air quality persists as Canadian wildfire smoke spreads” (18.07.2026; 900+ Brände) – https://www.npr.org/2026/07/18/nx-s1-5899009/us-canada-wildfire-smoke
The Hill: „Trump says Canada will face tariffs over wildfire smoke” (Doug-Ford-Reaktion, GOP-Brief) – https://thehill.com/homenews/administration/5975233-trump-canada-wildfire-smoke-tariffs/
CNBC: „Trump rips Canada as wildfire smoke spreads” (Abwicklung der Rauchforschungs-Labore) – https://www.cnbc.com/2026/07/17/trump-canada-wildfire-tariffs.html
Reuters (via Investing.com): „Trump blames Canada for wildfire smoke” – https://www.investing.com/news/world-news/trump-blames-canada-for-wildfire-smoke-says-he-will-add-cost-to-tariffs-4799567
Japan und Einstiegsdrogen
Krimpedia: „Drogenpolitik in Japan” (Philopon-Geschichte, Shabu, Yakuza, Konsumschätzungen) – https://www.krimpedia.de/index.php?title=Drogenpolitik_in_Japan
Denki Kawaraban: „Meth-Land Japan: Tigersprung auf Speed” (Nachkriegs-Epidemie, 0,2-%-Prävalenz) – https://www.denki-kawaraban.de/meth-land-japan-tigersprung-auf-speed/
Hanf-Magazin: „Japanische Studie widerlegt die Einstiegsdrogen-Theorie” (Juli 2025) – https://www.hanf-magazin.com/wissenschaft/studien/japanische-studie-widerlegt-die-einstiegsdrogen-theorie-eindrucksvoll/
metaller.de: „Neue Studie aus Japan: Cannabis ist keine Einstiegsdroge” (Common-Liability-Theorie) – https://www.metaller.de/neue-studie-aus-japan-cannabis-ist-keine-einstiegsdroge/
Zwangsbehandlung, Portugal/Oregon
Thieme, Suchttherapie: „Zwangs- und Quasi-Zwangskontexte der Behandlung” (Erfolgsquoten bis 50 %) – https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0032-1309020
Springer, Forensische Psychiatrie: „Drogenabhängige Patienten im Maßregelvollzug gemäß § 64 StGB” (Abbruchquote ~50 %) – https://link.springer.com/article/10.1007/s11757-009-0017-z
My Brain My Choice: „Oregons Entkriminalisierung und Rekriminalisierung” – https://mybrainmychoice.de/oregon/
KGW Portland: „Portugal, the drug decriminalization success story Oregon followed, now appears to be in trouble” – https://www.kgw.com/article/news/local/the-story/portugal-drug-decriminalization-problems-oregon-measure-110/283-3fbbf723-2b00-41f5-bdd0-6430add9df97
Island / Prävention
Spektrum der Wissenschaft: „Suchtprävention: Wie man Jugendliche von Alkohol und Drogen fernhält” (2017) – https://www.spektrum.de/news/suchtpraevention-in-island/1515343
fluter (bpb): „Wie Island sein Drogenproblem gelöst hat” (2020) – https://www.fluter.de/wie-island-sein-drogenproblem-geloest-hat
Eppendorfer: „Der isländische Weg” (Kennzahlen 1998–2016) – https://eppendorfer.de/der-islaendische-weg/
Brasilien / São Paulo
NZZ: „Wie São Paulo das Crack-Viertel ‚Cracolândia’ nach dreissig Jahren auflösen konnte” (Dezember 2025) – https://www.nzz.ch/international/dreissig-jahre-lang-gab-es-eine-offene-drogenszene-im-zentrum-von-sao-paulo-nun-wurde-cracolandia-aufgeloest-wie-ist-das-gelungen-ld.1906070
Jovem Pan: „Cracolândia se espalha por novas regiões de São Paulo” (August 2025; Zerstreuung, 40-Meter-Mauer) – https://jovempan.com.br/noticias/brasil/cracolandia-se-espalha-por-novas-regioes-de-sao-paulo-e-violencia-aumenta-no-centro.html




Ich habe die Frankfurter Szene 1980 als junger Polizist kennengelernt. In den Parks gab es keinen grünen Fleck mehr, weil die Fixer/Dealer den Stoff in der Erde und den Beeten verbuddelten. Bei einer Durchsuchung hatten sie dann nichts einstecken und konnten nicht mitgenommen werden. Die Polizeiführung damals war menschenverachtend; die Abhängigen wurden machmal wie Vieh behandelt; zumindest wurde solches Verhalten von Polizisten übersehen und geduldet. Schuld daran ist sicherlich ein fehlgeleitetes Menschenbild gewesen (wir hatten ja noch die letzten ehemaligen Nazis auf einzelnen Chefsesseln), aber vor allem eine Kommunalpolitik, die nur auf Verdrängung setzte. Von Frankfurt wurde nach Darmstadt geschoben, und von dort wieder nach Frankfurt. Nach Möglichkeit sollten die "Schmagauken" aber nach Aschaffenburg getrieben und dort angezeigt werden, weil die byrischen Richter bei der Strafzumessung gern eskalierten.
Der normale Streifenpolizist hatte gar keinen Einfluss oder etwas zu entscheiden - außer wegzuschauen und blind zu spielen. Es waren ja immer die gleichen Junkies, die man antraf. Man kannte sich.
Mit Öffnung der Druckräume wurde es tatsächlich viel besser und in den Anlagen wieder grün. So mancher Polizeiführer (ich hatte so einen) fühlte sich dadurch aber verarscht und empfand es unter seiner Würde den Süchtigen mit Nachsicht und Verständnis zu begegnen. An manchen Tagen also blieb es so wie früher: Jagen, Erniedrigen und Vertreiben.
Wir alle haben uns nicht mit Ruhm bekleckert, sondern ein bereits verlorenes Spiel gespielt. Und so ist es heute noch, weil nicht Fachleute entscheiden, sondern Politiker, die eigene Interessen haben. Und Drogenhilfe bringt keine Wählerstimmen.
Der Artikel ist super geschrieben und reicht weit über den Tellerrand hinaus. Und er beschreibt überaus detailiert und korrekt die damalige und heutige Situation. Ich staune über die Akribie und Rechercheleistung. Respekt!
Beeindruckende Reportage und zeigt wieder mal das komplexe gesellschaftliche Probleme selten mit einfachen Lösungen beantwortet werden können