Die einfache Lüge
Warum die AfD wächst, warum Friedrich Merz daran mitschuldig ist – und warum die wahren Probleme ganz woanders liegen
Es gibt einen Moment, den ich in den letzten Monaten immer wieder erlebt habe. In Kommentarspalten, an Stammtischen, in Gesprächen mit Menschen, die ich seit Jahren kenne. Jemand sagt einen Satz, der ungefähr so klingt: „Die sprechen wenigstens aus, was alle denken.” Gemeint ist die AfD. Und wenn man dann nachfragt, was sie denn aussprechen, kommt ein ganzer Katalog: Die Ausländer bringen die Kriminalität und die Messer. Die kriegen das Geld in den Arsch geschoben, während unsere Rentner Flaschen sammeln. Die kommen beim Arzt sofort dran, wir warten drei Monate auf einen Termin. Und überhaupt: Wir bauen für Hunderte Millionen Radwege in Peru, aber für die eigenen Leute ist nichts da. Man müsse nur die Grenzen zumachen und das Geld im Land behalten, dann werde alles wieder gut.
Das Bemerkenswerte an diesem Katalog ist, wie wenig davon einer Prüfung standhält – und wie perfekt er trotzdem funktioniert. Nehmen wir nur die berühmten Radwege in Peru. Die Zahl von 315 Millionen Euro, die durch sämtliche Kommentarspalten geisterte, wurde erstmals von einem AfD-Abgeordneten in einer Haushaltsausschusssitzung in die Welt gesetzt. Das Entwicklungsministerium konnte sie nie nachvollziehen, denn sie stimmt schlicht nicht. Tatsächlich hat Deutschland rund 44 Millionen Euro an Zuschüssen für Radwege in Lima zugesagt – knapp die Hälfte davon übrigens noch unter der Großen Koalition von Angela Merkel, bewilligt von einem CSU-Entwicklungsminister. Der große Rest sind Kredite für ein Bussystem, die Peru mit Zinsen zurückzahlt, und an deren Umsetzung deutsche Firmen wie Siemens als Auftragnehmer verdienen. Aus einem Klimaschutzprojekt, das dem deutschen Steuerzahler fast nichts kostet und deutsche Arbeitsplätze sichert, wurde so das Symbol für den Ausverkauf des Landes. Ähnlich verhält es sich mit dem angeblich verschenkten Geld: Asylbewerber erhalten nach dem Asylbewerberleistungsgesetz Leistungen, die deutlich unter dem Bürgergeld liegen, zunehmend als Sachleistung oder über Bezahlkarte – und beim Arzt gilt für sie in den ersten Jahren sogar eine eingeschränkte Versorgung, die vielerorts erst einen Behandlungsschein vom Amt erfordert. Von Bevorzugung im Wartezimmer kann keine Rede sein; das Gegenteil ist gesetzlich geregelt.
Und genau hier liegt das Erfolgsrezept der AfD, das man verstehen muss, wenn man ihren Aufstieg verstehen will: Sie benennt oft ein echtes Problem – die Wartezeiten beim Arzt sind real, die Rentenarmut ist real, das Gefühl, dass der Staat nicht funktioniert, ist real. Aber dann montiert sie an das echte Problem eine erfundene Ursache und eine scheinbar einfache Lösung, die entweder menschenverachtend ist oder schlicht nichts bringt. Das echte Problem der Arzttermine liegt in einem unterfinanzierten, falsch gesteuerten Gesundheitssystem – nicht im Syrer im Wartezimmer, der denselben Termin genauso schwer bekommt. Die Halbwahrheit ist gefährlicher als die glatte Lüge, weil sie an einer echten Erfahrung andockt. Wer die Wartezeit selbst erlebt hat, glaubt auch den erfundenen Schuldigen gleich mit.
Ich möchte in diesem Text zwei Dinge tun. Zuerst möchte ich verstehen, warum diese Erzählung für so viele Menschen so verführerisch geworden ist – und dabei werde ich auch über die Verantwortung unseres Bundeskanzlers sprechen müssen, so unbequem das ist. Und dann möchte ich zeigen, warum die Antwort trotzdem eine Lüge bleibt. Eine gut verkaufte, emotional perfekt verpackte Lüge, die kein einziges Problem löst, aber viele neue schafft. Denn die wirklichen Ursachen dessen, was gerade weltweit ins Rutschen gerät, haben mit dem syrischen Nachbarn im Erdgeschoss erstaunlich wenig zu tun. Sie haben mit uns allen zu tun.
Die Zahlen, die man nicht wegdiskutieren kann
Fangen wir mit dem an, was sich messen lässt. Die AfD steht in den bundesweiten Umfragen Anfang Juli 2026 bei rund 27 bis 28 Prozent. Im Mai erreichte sie im INSA-Sonntagstrend 29 Prozent, den höchsten Wert, der jemals für sie gemessen wurde. Die Union liegt bei 22 bis 23 Prozent, so schlecht wie seit über vier Jahren nicht. Zur Erinnerung: Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 holte die AfD 20,8 Prozent. In gut einem Jahr hat sie also rund sieben Punkte zugelegt – und die Regierungsparteien haben seit der Wahl fast jeden vierten Wähler verloren.
Im Osten ist das Bild noch drastischer. In Sachsen steht die AfD bei etwa 42 Prozent, in Sachsen-Anhalt bei rund 41, in Thüringen bei 40. In Sachsen-Anhalt, wo im September gewählt wird, hat sie ihr Ergebnis von 2021 in den Umfragen glatt verdoppelt. Eine Partei, mit der niemand koalieren will, nähert sich dort einer eigenen Mehrheit. Das hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie gegeben.
Und doch steckt in diesen Zahlen eine Information, die selten mitgeliefert wird. Der Forsa-Chef hat es im Juni nüchtern formuliert: Es ist nicht die eigene Stärke, die die AfD nach oben treibt, sondern die Schwäche der anderen. Infratest dimap hat nachgefragt, warum Menschen ihre Partei wählen – und gerade bei den AfD-Anhängern sticht als Motiv nicht die Überzeugung heraus, sondern die Distanz zu allen übrigen. Die AfD wächst weniger aus eigener Überzeugungskraft als aus der Enttäuschung über alle anderen – und weil sie diese Enttäuschung mit ihren Halbwahrheiten in Wut übersetzt.
Der Kanzler, der nicht liefert
Und damit sind wir bei Friedrich Merz. Ich schreibe das nicht gern, ich habe es in den letzten Monaten oft genug schreiben müssen. Aber die Zahlen sind erbarmungslos: Nur noch 15 Prozent der Deutschen sind mit ihrem Kanzler zufrieden. Fünfzehn. Mit der gesamten Bundesregierung sind es 17 Prozent. Das sind Werte, bei denen man sich fragen muss, für wen diese Regierung eigentlich noch regiert.
Merz ist mit einem Versprechen angetreten: Er werde die AfD halbieren, indem er ihre Themen besetzt. Härtere Migrationspolitik, schärfere Töne, mehr Abschiebungen. Das Ergebnis nach anderthalb Jahren ist das exakte Gegenteil. Die AfD hat sich nicht halbiert, sie hat zugelegt – und die Union ist auf ihren tiefsten Stand seit Anfang 2022 gefallen. Wer die Erzählung der Rechten übernimmt, dass Migration das zentrale Problem des Landes sei, der bestätigt die Rechten. Die Wähler sind nicht dumm. Wenn ihnen zwei Parteien dieselbe Diagnose anbieten, wählen sie die, die sie zuerst gestellt hat, und nicht die Kopie.
Dazu kommt eine Regierung, die sich in den drängendsten Fragen selbst blockiert. Die Wirtschaft wächst kaum, die Energiepreise sind nach dem Iran-Krieg erneut gestiegen, die Sozialversicherungsbeiträge fressen die Nettoeinkommen, und die Ministerien liefern sich öffentliche Grabenkämpfe, statt zu arbeiten. Ich habe über die Energiepolitik dieser Regierung oft genug geschrieben, über Gaskraftwerkspläne und gekürzte Solarförderung, um zu wissen: Da regiert keine Zukunftsvision, da regiert das Zurück. Und jedes Mal, wenn diese Regierung ein Problem ankündigt, statt es zu lösen, wächst am rechten Rand die Zahl derer, die sagen: Dann eben die anderen.
Das ist die Mitschuld von Friedrich Merz am Aufstieg der AfD. Nicht, dass er ihre Wähler beschimpft hätte. Sondern dass er ihnen mit seiner Politik jeden Tag aufs Neue den Beweis liefert, die „Etablierten” könnten es nicht.
Die Sache mit den Messern
Kommen wir zum Kern der AfD-Erzählung. Sie geht so: Deutschland versinkt in Messergewalt, und schuld sind die Migranten. Beide Hälften dieses Satzes verdienen einen genauen Blick, denn genau davon lebt die Halbwahrheit – dass niemand genau hinschaut.
Zuerst die Fakten. Die Polizei hat 2025 rund 29.200 Messerangriffe registriert, fast exakt so viele wie im Jahr davor. Die Gewaltkriminalität insgesamt ist 2025 erstmals seit 2021 gesunken, die Gesamtkriminalität ging um 5,6 Prozent zurück. Deutschland versinkt also nicht – die Kurve zeigt nach unten. Aber es stimmt auch: Nichtdeutsche Tatverdächtige sind in der Statistik deutlich überrepräsentiert. Bei der Gewaltkriminalität stellen sie knapp 43 Prozent der Tatverdächtigen, ihre Belastungszahl liegt – rechnet man ausländerrechtliche Verstöße heraus, die nur Ausländer begehen können – rund zweieinhalbfach über der von Deutschen.
Diese Zahl ist echt. Und wer sie verschweigt, macht denselben Fehler wie die AfD, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Die entscheidende Frage ist eine andere: Warum ist das so? Steckt die Gewalt in der Herkunft – oder in den Umständen?
Das Bundeskriminalamt selbst gibt die Antwort, man muss sie nur lesen wollen. Gerade Schutzsuchende, schreibt das BKA, tragen multiple Risikofaktoren für Gewaltkriminalität: unsichere Zukunftsperspektiven, Armut. Dazu kommt die Demografie. Kriminalität, überall auf der Welt und zu allen Zeiten, ist überwiegend das Geschäft junger Männer – und unter Geflüchteten sind junge Männer massiv überrepräsentiert. Vergleicht man junge deutsche Männer in prekären Verhältnissen mit jungen zugewanderten Männern in prekären Verhältnissen, schrumpfen die Unterschiede dramatisch zusammen.
Und jetzt kommt der Teil, den jeder von uns an sich selbst überprüfen kann. Jeder Mensch hat eine Hutschnur. Stell dir vor, du hast Krieg und Flucht hinter dir, vielleicht Folter, vielleicht das Ertrinken von Menschen neben dir im Boot. Du landest in einer Sammelunterkunft, vier Männer auf einem Zimmer, du darfst monatelang nicht arbeiten, obwohl du willst. Du weißt nicht, ob du nächstes Jahr noch hier bist. Und jeden Tag liest du, hörst du, spürst du, dass eine Partei mit dreißig Prozent Zustimmung dich zum Feindbild erklärt hat – dich, nicht deine Taten, sondern deine Existenz. Wie lange hält deine Hutschnur? Ich kenne Menschen, denen reißt sie, wenn der Nachbar den Rasen zu früh mäht. Wir alle tragen die Bereitschaft zur Aggression in uns, sie ist Teil unserer Biologie – was uns davor schützt, sind Sicherheit, Perspektive, Zugehörigkeit. Genau die drei Dinge, die man Geflüchteten oft vorenthält.
Und hier schließt sich der Kreis auf bittere Weise: Die AfD ist an dem Zustand, den sie beklagt, selbst beteiligt. Eine Politik der permanenten Ausgrenzung, der Dauerverdächtigung, der kalkulierten Entwürdigung schafft exakt das Klima, in dem Integration scheitert und Frust in Gewalt kippt. Wer Menschen jahrelang zuruft, dass sie nicht dazugehören und nie dazugehören werden, darf sich nicht wundern, wenn manche von ihnen irgendwann aufhören, dazugehören zu wollen. Die AfD verstärkt Zustände, von denen sie politisch lebt. Und das ist kein Versehen, sondern ihr Geschäftsmodell.
Wer also nur „die Migranten” für die Gewalt verantwortlich macht, löst nichts. Er verhindert die Lösungen – schnellere Verfahren, Arbeitserlaubnisse, dezentrale Unterbringung, Sprachkurse ab Tag eins – und stiftet neue Probleme: Angst auf beiden Seiten, Radikalisierung auf beiden Seiten, eine Gesellschaft, die sich selbst zerlegt.
Ein Blick über den Zaun
Deutschland ist mit alldem nicht allein. In Frankreich ist der Rassemblement National seit Jahren stärkste Oppositionskraft – das ist die Partei von Marine Le Pen, hervorgegangen aus dem offen rechtsextremen Front National ihres Vaters Jean-Marie Le Pen, den sie 2018 umbenannte und äußerlich glattpolierte, ohne den nationalistischen Kern anzutasten. In Österreich wurde die FPÖ 2024 erstmals stärkste Partei bei einer nationalen Wahl – jene rechtspopulistische, EU-feindliche „Freiheitliche Partei”, die schon zweimal mitregiert hat und beide Male in Skandalen unterging, zuletzt 2019, als ihr Chef auf Ibiza dabei gefilmt wurde, wie er einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte das halbe Land zum Kauf anbot. In den Niederlanden gewann Geert Wilders, in Italien regiert Giorgia Meloni, in den USA Donald Trump. Bei der Europawahl 2024 hat sich der Stimmenanteil der radikalen Rechten gegenüber 2004 auf rund 20 Prozent mehr als verdoppelt. Überall dasselbe Versprechen, nur mit anderer Flagge: Wir machen unser Land wieder groß. Schuld sind die Fremden, die Eliten, Brüssel. Die Lösung ist einfach, man muss sie sich nur trauen.
Dass wir wissen, wohin diese einfachen Lösungen führen, verdanken wir ausgerechnet den Briten. Der Brexit war das Original-Experiment: raus aus der EU, Grenzen dicht, das Geld bleibt im Land, die Kontrolle kommt zurück. Fast alles, was Ökonomen damals prophezeiten, ist eingetreten. Die britische Wirtschaft wächst seither schwächer, als sie es in der EU getan hätte, der Handel mit dem wichtigsten Absatzmarkt ist eingebrochen, Investitionen blieben aus – und die Zuwanderung, die man mit dem Austritt begrenzen wollte, stieg danach auf historische Rekordwerte. Die versprochenen Milliarden für das Gesundheitswesen kamen nie an. Kein einziges der Probleme, gegen die der Brexit die Wunderwaffe sein sollte, ist gelöst; die meisten sind größer geworden. Und genau dieses gescheiterte Experiment will die AfD wiederholen: Sie erklärt die EU für gescheitert, ihre Vorsitzende hat den Brexit ausdrücklich als „Vorbild” für Deutschland bezeichnet, und aus Teilen der Partei tönt regelmäßig der Ruf nach der D-Mark. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen – die Blaupause ist krachend gescheitert, vor aller Augen, mit angekündigten Folgen, und trotzdem wird sie als Zukunftsmodell verkauft.
Wie hohl das Versprechen vom „wieder groß machen” ist, zeigt ohnehin unser eigenes Land. Deutschland, dieses kleine Land mit seinen 84 Millionen Menschen auf einem Fleck, den man auf der Weltkarte mit dem Daumen abdecken kann, ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Erde – hinter den USA und China, vor Japan, vor Indien mit seinen anderthalb Milliarden Einwohnern. Was genau soll hier eigentlich „wieder groß” gemacht werden? Deutschland ist groß. Es ist groß geworden durch offene Märkte, durch Zuwanderung von Arbeitskräften seit den Fünfzigern, durch europäische Integration, durch Weltoffenheit. Alles Dinge, welche die Rechten abschaffen wollen. Man will das Haus retten, indem man das Fundament heraussprengt.
Was stattdessen in diesem Land tatsächlich groß gemacht werden müsste? Dazu komme ich gleich noch – denn diese Liste existiert, sie ist lang, und sie hat mit Ausländern nichts zu tun.
Vorher aber noch das Gegenbeispiel, und es ist frisch: In Ungarn wurde Viktor Orbán im Frühjahr 2026 nach sechzehn Jahren abgewählt. Die Opposition unter Péter Magyar holte über 53 Prozent. Der scheinbar unbesiegbare Autokrat, das Vorbild aller europäischen Rechten, ist an dem gescheitert, woran Populisten immer scheitern, wenn man sie lange genug regieren lässt: an der Wirklichkeit. Die einfachen Lösungen lösen nichts, und irgendwann merken es die Menschen.
Was wirklich groß gemacht werden müsste
Und damit zu der Liste, die ich versprochen habe. Denn natürlich läuft in diesem Land vieles schief – nur eben ganz woanders, als die AfD behauptet. Was in Deutschland groß gemacht werden müsste, ist zuallererst eine ehrliche, handwerklich saubere Haushaltsplanung. Nirgends zeigt sich das gerade brutaler als im Gesundheitswesen.
Die Zahlen sind öffentlich, man muss sie nur lesen: Die von Gesundheitsministerin Nina Warken selbst eingesetzte Expertenkommission beziffert die Finanzlücke der gesetzlichen Krankenversicherung auf über 15 Milliarden Euro im Jahr 2027 – und auf über 40 Milliarden im Jahr 2030, wenn nichts geschieht. Die Ausgaben wachsen mit rund acht Prozent pro Jahr fast doppelt so schnell wie die Einnahmen. Das ist kein Naturereignis, das ist das Ergebnis von Jahrzehnten verschleppter Strukturreformen – und diese Jahrzehnte tragen zu einem erheblichen Teil die Handschrift der Union, die das Gesundheitsministerium und das Kanzleramt über lange Strecken der Merkel-Jahre kontrollierte und die nun unter Merz genau da weitermacht, wo sie aufgehört hat: beim Kürzen statt beim Umbauen.
Denn wie schließt die Regierung die Lücke? Mit einem Sparpaket, das inzwischen auf rund 20 Milliarden Euro angewachsen ist und das fast ausschließlich bei denen ansetzt, die das System am Laufen halten. Die Vergütung von Praxen und Kliniken wird per Gesetz unterhalb der realen Kostensteigerung gedeckelt, das Pflegebudget wird begrenzt, Patienten sollen höhere Zuzahlungen leisten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung bringt es auf den Punkt: Wer Leistungen deckelt, rationiert Versorgung. Der Bundesrat – alle sechzehn Länder gemeinsam, quer durch die Parteifarben – warnt vor einem kalten Kliniksterben. Und 61 Prozent der Bevölkerung lehnen den Kurs ab. Man spart also auf Kosten der Patienten, der Pflegekräfte, der Ärzte und der Krankenhäuser – ausgerechnet bei denen, die schon jetzt am Limit arbeiten. Das ist keine Reform, das ist Rasenmähen mit Ansage.
Dabei ginge es anders. Ich habe an anderer Stelle darüber geschrieben, wo in diesem System Geld verbrannt wird, ohne dass ein einziger Patient davon profitiert: in einem Verwaltungsapparat mit Dutzenden Krankenkassen, die alle dieselbe Arbeit doppelt machen. In einer Doppelfinanzierung der Krankenhäuser, bei der die Länder für Investitionen zuständig sind, seit Jahren zu wenig zahlen und die Kliniken die Löcher aus dem laufenden Betrieb stopfen – weshalb in deutschen Krankenhäusern nachts hundert Leuchtstoffröhren durchbrennen, weil das Geld für die LED-Umrüstung aus einem anderen Topf käme, der leer ist. In Gesetzen, die sich gegenseitig im Weg stehen, sodass selbst sinnvolle Einsparungen an Zuständigkeitsgrenzen scheitern. Vierzig Milliarden Lücke, und die naheliegendsten Strukturreformen bleiben unangetastet, weil sie politisch anstrengender sind als eine Nullrunde für die Pflege.
Und das führt zum eigentlichen Kern des Problems: In den Ministerien und Ausschüssen sitzen Menschen, die irgendwann irgendwo BWL oder Jura studiert haben – und die trotzdem in der Branche, über die sie gerade entscheiden, offenkundig nicht kalkulieren können. Sie vertrauen zu wenig denen, die es wissen müssten: den Ärztinnen, den Pflegern, den Klinikcontrollern, den Handwerkern der Systeme. Über neunzig Sachverständige wurden zum Gesundheits-Sparpaket angehört, ihre Einwände waren präzise und begründet – und man kann heute schon absehen, wie wenig davon im Gesetz landet. Dasselbe Muster zieht sich durch die Steuerpolitik, durch die Energiepolitik, durch die Digitalisierung: Es wird gerechnet, als wäre das Land eine Excel-Tabelle, und wenn die Wirklichkeit nicht mitspielt, ist die Wirklichkeit schuld. Das ist es, was groß gemacht werden müsste in Deutschland – nicht die Grenzen, nicht die Härte, sondern die schlichte Kompetenz, einen Haushalt so zu planen, dass er die Menschen versorgt, statt sie zu verwalten.
Ihr merkt: Für nichts davon braucht man einen Sündenbock. Man braucht Sachverstand, Demut vor der Praxis und den Mut, sich mit den eigenen Besitzständen anzulegen. Genau das bietet keine der Parteien an, die gerade von der Wut profitieren – die AfD am allerwenigsten, deren gesundheitspolitisches Konzept im Wesentlichen darin besteht, die Schuld bei ausländischen Bürgergeldempfängern abzuladen. Dieselbe Halbwahrheit, dasselbe Muster, nächstes Themenfeld.
Das wirkliche Problem
Denn was ist die Wirklichkeit im Großen? Warum gerät die Welt gerade an so vielen Stellen gleichzeitig ins Rutschen – Fluchtbewegungen, Kriege um Ressourcen, Preisschocks, Ernteausfälle?
Die Antwort steht in keinem AfD-Programm, weil sie unbequem für uns alle ist. Weltweit sind derzeit über 122 Millionen Menschen auf der Flucht vor Gewalt und Konflikten – mehr als je zuvor. Die Weltbank rechnet damit, dass der Klimawandel bis 2050 zusätzlich bis zu 216 Millionen Menschen allein innerhalb ihrer eigenen Länder zur Migration zwingen könnte, weil Ernten ausbleiben, Wasser knapp wird, Küsten im Meer versinken. Der Weltklimarat hat ausgerechnet, dass jedes Grad Erwärmung das Risiko von Vertreibungen durch Überschwemmungen um die Hälfte erhöht. Die Menschen, die da fliehen, fliehen nicht, weil sie unser Bürgergeld wollen. Sie fliehen, weil ihr Land buchstäblich unbewohnbar wird.
Und wer heizt diesen Planeten auf? Wer verbraucht die Rohstoffe, das Wasser, die Böden? Wir. Der Westen, der reiche Norden. Die Menschheit verbraucht Jahr für Jahr die Ressourcen von deutlich mehr als einer Erde – lebten alle Menschen so wie wir Deutschen, bräuchte es sogar rund drei Planeten. Wir essen mehr, als der Boden nachwachsen lässt, wir bestellen mehr, als wir brauchen, wir verbrennen in Jahrzehnten, was in Jahrmillionen entstanden ist. Und dann wundern wir uns, dass die Rechnung in Form von Dürren, Kriegen und Flüchtlingsbooten zurückkommt – und wählen Parteien, die versprechen, die Rechnung einfach nicht anzunehmen.
Das ist die eigentliche Pointe der rechten Lüge: Sie zeigt auf die Menschen, die vor den Folgen unseres Lebensstils fliehen, und nennt sie die Ursache.
Was stattdessen zu tun wäre
Eine Politik, die diesen Namen verdient, kann nur global gedacht werden, weil die Probleme global sind. Kein Zaun der Welt hält den Meeresspiegel auf. Wir müssen die Energieversorgung umbauen – weltweit, nicht nur bei uns –, weil billige erneuerbare Energie der einzige Hebel ist, der Klimaschutz und Wohlstand gleichzeitig ermöglicht. Ich schreibe das nicht als Theorie: Ich habe mein eigenes Haus umgebaut, Solar auf dem Dach, Speicher im Keller, Wärmepumpe, Elektroauto, und meine Energiekosten sind um rund siebzig Prozent gefallen. Die Zukunft funktioniert. Man muss sie nur bauen, statt sie zu bekämpfen. Und dazu gehören übrigens auch Radwege in Lima – denn jede Tonne CO₂, die in Peru nicht ausgestoßen wird, wärmt auch unser Klima nicht auf. Was die AfD als Skandal verkauft, ist in Wahrheit einer der wenigen Posten im Haushalt, die exakt das tun, was Zukunftspolitik tun muss.
Und ja, wir werden auch verzichten lernen müssen. Nicht auf Wohlstand, aber auf Maßlosigkeit. Weniger bestellen, weniger wegwerfen, weniger „geiz ist geil”. Dafür mehr füreinander tun – im eigenen Viertel genauso wie zwischen den Kontinenten. Das klingt nach Sonntagspredigt, ich weiß. Aber es ist schlicht Mathematik: Ein endlicher Planet verträgt keinen unendlichen Hunger. Entweder wir teilen freiwillig und gestalten den Wandel, oder der Wandel gestaltet uns, und dann teilt niemand mehr freiwillig.
Die AfD und ihre Schwesterparteien weltweit bieten für all das genau nichts an. Ihr gesamtes Angebot besteht darin, einen Schuldigen zu liefern, der sich nicht wehren kann. Das fühlt sich für einen Moment gut an, wie jede Wut sich für einen Moment gut anfühlt. Aber am Morgen danach sind die Probleme noch da, nur die Nachbarn sind zu Feinden geworden.
Ungarn hat gezeigt, dass dieser Spuk endet, wenn genug Menschen aufwachen. Großbritannien zeigt jeden Tag, was es kostet, wenn sie zu spät aufwachen. Bei uns muss er gar nicht erst an die Macht kommen. Dafür braucht es eine Regierung, die endlich liefert statt zu kopieren – und es braucht uns, die wir der einfachen Lüge die komplizierte Wahrheit entgegensetzen. Jeden Tag, in jedem Gespräch, in jeder Kommentarspalte. Die Wahrheit ist anstrengender. Aber sie ist das Einzige, was am Ende trägt.
Quellen
DAWUM – AfD-Umfragewerte Bund und Länder (Stand 03.07.2026): https://dawum.de/AfD/
DAWUM-Bundestrend, gewichtetes Mittel (27.06.2026): https://statistiken-aktuell.de/dawum-bundestrend-27-06-2026-datenmonitor/
Handelsblatt – INSA-Rekordwert 29 Prozent (16.05.2026): https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/sonntagsfrage-afd-erreicht-rekord-umfragewert-union-verliert/100225579.html
Ipsos Sonntagsfrage inkl. Merz-/Regierungszufriedenheit (Juni 2026): https://www.ipsos.com/de-de/meinungsumfragen/sonntagsfrage
Infratest dimap, ARD-DeutschlandTREND Juni 2026 (Wahlmotive): https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/ard-deutschlandtrend/2026/juni/
Infratest dimap, LänderTREND Sachsen-Anhalt Mai 2026: https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundeslaender/sachsen-anhalt/laendertrend/2026/mai/
BKA – Polizeiliche Kriminalstatistik 2025: https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2025/Polizeiliche_Kriminalstatistik_2025/Polizeiliche_Kriminalstatistik_2025_node.html
BMI – Pressemitteilung zur PKS 2025 (20.04.2026): https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2026/04/pks2025-pm.html
BKA – PKS 2024, Einordnung Risikofaktoren bei Schutzsuchenden: https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2024/Polizeiliche_Kriminalstatistik_2024/Polizeiliche_Kriminalstatistik_2024_node.html
Mediendienst Integration – Messerkriminalität: https://mediendienst-integration.de/kriminalitaet/auslaenderkriminalitaet/messerkriminalitaet/
Faktencheck „315 Millionen für Radwege in Peru” (vorwärts, 04.02.2024): https://www.vorwaerts.de/international/315-millionen-euro-fuer-radwege-peru-warum-diese-zahl-nicht-stimmt
BMZ – Nachhaltige Mobilität in Lima (offizielle Projektdarstellung): https://www.bmz.de/de/laender/peru/nachhaltige-mobilitaet-in-lima
Mimikama-Faktencheck zu den Peru-Zahlen: https://www.mimikama.org/315-millionen-euro-radwege-in-peru/
BMG – FinanzKommission Gesundheit: Finanzlücke GKV >15 Mrd. (2027) bis >40 Mrd. (2030): https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/finanzkommission-gesundheit-ergebnisse-30-03-26
Deutscher Bundestag – Debatte zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (Juni 2026): https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw24-de-gkv-1181958
KBV – Stellungnahme zum GKV-Sparpaket („Wer Leistungen deckelt, rationiert Versorgung”): https://www.kbv.de/positionen/stellungnahmen/gkv-beitragssatzstabilisierungsgesetz
IW Köln – Deutschland bleibt drittgrößte Volkswirtschaft (März 2026): https://www.iwkoeln.de/presse/iw-nachrichten/michael-groemling-deutschland-bleibt-drittgroesste-volkswirtschaft-der-welt.html
bpb – Die Radikale Rechte im europäischen Vergleich (inkl. RN, FPÖ): https://www.bpb.de/themen/parteien/rechtspopulismus/240093/die-radikale-rechte-im-europaeischen-vergleich/
Landeszentrale für politische Bildung BW – Rechtsruck in Europa (inkl. Ungarn-Wahl 2026): https://www.europawahl-bw.de/rechtsruck-in-europa
Weltbank – Groundswell-Report, bis zu 216 Mio. Klimavertriebene bis 2050: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1263402/umfrage/anzahl-moeglicher-klimafluechtlinge-weltweit-bis-2050-nach-region/
Mediendienst Integration – Klimawandel und Flucht (inkl. IPCC-Einordnung): https://mediendienst-integration.de/fluechtlinge/klimawandel-und-flucht/prognosen-wie-viele-klimafluechtlinge-wird-es-geben/
Welthungerhilfe – 122,1 Mio. Menschen weltweit auf der Flucht (UNHCR Global Trends): https://www.welthungerhilfe.de/informieren/themen/klimawandel/klimafluechtlinge-klimawandel-und-migration
Global Footprint Network – Earth Overshoot Day / ökologischer Fußabdruck: https://overshootday.org




was soll man dazu noch sagen, präzise auf den Punkt gebracht. Danke dafür!
Ach Stefan, wiedermal super geschrieben und so wahr !!! Toll und Dankeschön dafür ..